Holländisches Design in einem historischen Schloss des Gartenreiches: das ist die Ausstellung «Dutch Design». (FOTO: KLITZSCH)
Der Gratulant war selbst ein Superstar. Sein Geschenk war ein Unerwartetes. Robbie Williams hätte in der vorigen Woche viele Songs singen können beim großen Konzert zum diamantenen Thron-Jubiläum von Queen Elisabeth. Doch was hatte Robbie Williams ausgewählt? Den Mackie-Messer-Song des in Dessau geborenen Kurt Weill.
Hadern im Stadtrat
Es war der Moment, in dem Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister Klemens Koschig auf dem heimischen Sofa ungläubig hin- und herrutschte. Ein paar Tage später rätselte das Stadtoberhaupt im Stadtrat, "warum wir so oft schlechte Nachrichten nach außen senden, wo es so oft gute gibt". Zum Beispiel, dass ein Sohn dieser Stadt ein Lied geschrieben hat, dass vor zig Millionen Menschen am heimischen Fernseher zu hören war. Was würden andere daraus machen?
Die guten Nachrichten zu produzieren, das haben andere längst übernommen. Während Dessau-Roßlau um die Bauhausstadt streitet, hat sich Dessau und Umgebung zur heimlichen Design-Hauptstadt des 2012er Sommers entwickelt. Dank zwei besonderer Highlights.
"Dutch Design" im Schloss Oranienbaum hat schon über 12 000 Besucher in die Region gelockt. Aus Deutschland. Aber auch viele internationale Gäste besuchen die Ausstellung, die Ende April von der holländischen Königin Beatrix und dem deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck schlagzeilenträchtig eröffnet wurde. Gerade erst hat "Spiegel Online", der Internet-Ableger des Hamburger Nachrichten-Magazins, die beeindruckende wie ungewöhnliche Ausstellung entdeckt - und war begeistert. "Wie spannend kulturelles Erbe sein kann, wenn das Traditionelle zusammen mit dem Modernen ausgestellt wird, zeigt jetzt die wunderbare Schau in Oranienbaum."
"Marcel Breuer - Design und Architektur", die neue Ausstellung im Dessauer Bauhaus, hat in den ersten zehn Tagen über 1 500 Besucher angezogen - und damit mehr als im vorigen Jahr zur Wilhelm-Wagenfeld-Schau kamen, die am Ende über 15 000 Besucher hatte. "Das ist wirklich Klasse", freut sich Ingolf Kern, Kommunikationschef des unter Welterbe stehenden Hauses. Und der touristische Hoch-Sommer kommt erst noch.
Den Weg dafür bereitet "Geo Saison", das in der neuen Juni-Ausgabe auf das Titelthema "Südtirol" setzt, aber auf drei Seiten auch zu einer Reise nach Dessau und Wörlitz einlädt. "Ein Kurztrip der Kontraste führt von Grau zu Grün, vom Bauhaus, den sanierten Meisterhäusern und der neuen Ausstellung zur Siedlung Törten bis ins benachbarte Gartenreich", titelt Autorin Barbara Buchholz und schwärmt von der verglasten Bauhaus-Fassade des Werkstattflügels mit dem berühmten Bauhaus-Schriftzug, von der Mensa, in der Touristen auf von Marcel Breuer entworfenen Stahlrohrhockern an weißen Tisch essen, von den Wörlitzer Anlagen, wo Gondolieri Besucher über Wasserwege rudern, und vom Schloss Mosigkau, wo goldgerahmte Gemälde von Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck und anderen Meistern dicht an dicht bis unter die Decke hängen. Ihr Fazit: "Opulenz und Minimalismus findet man in der Region Dessau in friedlicher Koexistenz."
Verwalterin dieser touristischen Koexistenz ist Elke Witt, Geschäftsführerin des Fremdenverkehrsverbandes Anhalt-Dessau-Wittenberg. Wie sich die beiden Ausstellungen in den Übernachtungszahlen der Region niederschlagen, das kann Witt noch nicht sagen. "Uns liegen erst die Zahlen für Januar bis März vor", sagt sie. "Aber mit denen bin ich sehr zufrieden." Bei den Übernachtungen hat Dessau-Roßlau im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 15 Prozent zugelegt, bei den Ankünften, die gezählt werden, um sieben Prozent. "Nachdem es im vorigen Jahr einen deutlichen Einbruch gegeben hatte, läuft es in diesem Jahr für die Region super", freut sich die Touristikerin und sieht in dem Zuwachs auch einen Erfolg der Werbung, die auf die gemeinsame Dachmarke Luther-Bauhaus-Gartenreich setze und bis zu den Partnern in Köthen oder an der Goitzsche reicht.
Präsentation auf zwölf Messen
"Wir waren seit November auf zehn, zwölf Messen", erzählt sie und nennt Hamburg, Göteborg, Amsterdam und München. Gerade in Bayern habe sie erneut feststellen können, "dass immer noch einige Westdeutsche noch nie im Osten waren und erstaunt sind, was sie hier finden könnten". Witt weiß inzwischen, dass Werbung für Unesco-Welterbe-Stätten und für die Angebote zu den Kirchen sowie den Radwegen "auf unwahrscheinliches Interesse stößt und damit auf fruchtbaren Boden fällt". Das Potenzial sei da, es müsse aber erschlossen und genutzt werden.
Dessau jedenfalls legt noch in diesem Monat mit einer dritten Ausstellung nach. "Anhalt international" heißt es ab dem 29. Juni in der Marienkirche. Zur Eröffnung reisen Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Viviane Reding, die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, an. Zum Jubiläum "Anhalt 800" wird gezeigt, wie das kleine Anhalt in seiner langen Geschichte in die große weite Welt gewirkt hat. Eike von Repgow taucht in der Schau auf, aber auch Albrecht der Bär, Fürst Leopold, Vater Franz, die Bauhaus-Meister Wassily Kandinsky und Hannes Meyer, der Homöopath Samuel Hahnemann - und natürlich Kurt Weill.