Jule Werner & Rehab unterhielten die Ziebigker am Samstag musikalisch. (FOTO: MZ)
"Kennen Sie diese amerikanischen Vietnam-Filme?", fragt Ralph Porsche, um das Szenario so präzise zu beschreiben, was er damals vor zehn Jahren erlebte. Es waren jene Augusttage 2002, als das Rattern der Rotorblätter der Hubschrauber selbst nachts nicht
verstummen wollte. Plötzlich überall Soldaten zu finden waren und die Bürger im Ausnahmezustand lebten. Das war die Hochwassersituation vor zehn Jahren in Ziebigk, wie sie der Mitorganisator des Sandsackfestes, das am Sonnabend das zehnte Mal gefeiert wurde, noch lebhaft in Erinnerung hat. "Ich habe mein Büro im Keller schon leergeräumt und nur darauf gewartet bis die Sirene für die Evakuierung läutet", erzählt Porsche.
Ähnlich hat das auch Christiane Nöthen erlebt. Ein paar Tage zuvor war es noch selbstverständlich, auf dem Deich zwischen Kornhaus und Klärwerk spazieren zu gehen. "Plötzlich war es dort menschenleer", erinnert sich Nöthen, die Vorsitzende des Vereins "Hochwasserschutz Elbe / Mulde e.V.". Butterweich war da der Deich. Drohte jeden Moment zu reißen. Deshalb kämpften die Ziebigker, freiwillige Helfer aus ganz Deutschland und Soldaten der Bundeswehr unermüdlich gegen an. Füllten Sandsäcke bis zur Erschöpfung. Tausende, Abertausende. "Millionen waren es letzten Endes", ist Porsche überzeugt.
Kollektive Erinnerung bleibt
Der Deich hielt. Ziebigk kam mit dem Schrecken davon. "Wir saßen schon alle auf gepackten Koffern", bestätigt Nöthen. Hätten sie vor dem bedrohlichen Hochwasser evakuiert werden müssen, wären sie in überschwemmte Wohnungen und Häuser zurück gekehrt. "Bis zum Lichtschalter im Erdgeschoss hätte das Wasser gestanden", erfuhr Nöthen im Nachhinein.
Die kollektive Erinnerung an das Bedrohungs-Szenario bleibt. Es hat auch trotz aller Dramatik seine positiven Seiten. Die Bewohner des Stadtteils lernten sich neu kennen. Zuvor veränderte sich Ziebigk. Der Bauboom der 90er Jahre und Anfang des Jahrtausends ließ dort ganze Straßenzüge, gar Viertel neu entstehen. Alte und neue Ziebigker lebten anonym nebeneinander her. Die Bedrohung durch das Hochwasser schweißte zusammen. Neue Bekanntschaften und Freundschaften entstanden im Kleinen. Grillabende, Straßenfeste und nachbarschaftliche Adventsfeiern sind mittlerweile liebgewordene Traditionen.
Fest hat sich etabliert
Ein jährliches Fest sollte den großen Rahmen bilden. Noch 2002 wurde die Idee des Sandsackfestes geboren. Im Juli 2003 wurde das erste Mal am Obelisk im Mühlweg gefeiert. Seitdem stehen die Sandsäcke, jenes Symbol der Verteidigung gegen die drohenden Fluten, als ein Stück Identität für die Ziebigker. Jung und Alt aus allen Ziebigker Straßenzügen feiern hier. Manchmal mischen sich auch auswärtige Gäste unters Publikum. "Beim ersten Mal waren Besucher aus Leningrad dabei", erinnert sich Porsche. Über die Jahre waren es vor allem Gäste der nahe gelegenen Jugendherberge, die sich im Laufe des Abends unter das Partyvolk mischten.
War da das erste runde Jubiläum etwas Besonderes? "Es ist ein Fest, wie immer, auf hohem Niveau, mit ansprechendem Begleitprogramm", sagt Porsche. Das dementsprechend kostet. Auf Sponsoren und Unterstützer sind sie deshalb angewiesen. "Diesmal haben sich auch sehr viele Privathaushalte mit Spenden beteiligt", berichtet Nöthen. Die Veranstaltung hat sich als identitätsstiftendes Stadtteilfest etabliert. Die Philosophie sich bewährt. "Schwatzen, lachen, tanzen und feiern am Deich", bringt es Nöthen auf den Punkt.
Und natürlich auch informieren. Denn der Hochwasserschutz ist immer ein zentrales Anliegen der Sandsackfeste. Der eigens dafür ins Leben gerufene Verein "Hochwasserschutz Elbe / Mulde e.V." informiert regelmäßig über den Stand der Dinge.
Noch sind nicht alle Sanierungsmaßnahmen in der Region abgeschlossen. "20 Prozent sind noch dran", sagt die Vorsitzende Nöthen. Sie ist zuversichtlich, dass bis 2015 der vollständige Lückenschluss gelingt. Ein neuer Deichverlauf macht etwa an den "Möster Höhen" in Dessau-Süd ein Planfeststellungsverfahren notwendig. Unter anderem Grundstücks- und Umweltfragen müssen dort geklärt werden. Im Falle eines neuen Hochwassers müssten an dieser Stelle derzeit noch Sandsäcke geschippt werden. Für die Ziebigker ist das Kapitel endgültig Geschichte. Nur noch der Name ihres jährlichen Festes erinnert daran.