Halb sieben am Morgen ist im Kostümzelt schon Hochbetrieb. Davor stehen müde Männer und Frauen in einer Schlange und warten auf ihre Verwandlung. Und wer wie ich noch nie Komparse war, guckt sich schnell verwundert um: Wo die überall schon dabei waren! Til Schweigers "1 1 / 2 Ritter" ist gerade im Gespräch, andere haben beim Horrorstreifen "Black Death" mitgemacht, beim "Polizeiruf" oder der "Päpstin". Fröhlich plaudern die Schlangesteher - ob sie sich nun kennen oder nicht - über ihre vielen Einsätze, was herausgeschnitten wurde und wo sie wie lange zu sehen waren. Manche sehen sich öfter bei Drehs.
Nun also Noah Gordons Bestseller-Roman "Der Medicus", ein internationales Großprojekt, das nicht nur hier auf der Burg Querfurt, sondern auch in Quedlinburg, Thüringen, Berlin, Köln und Marokko gedreht wird. Entstehen soll ein emotionaler und bildgewaltiger Abenteuerfilm, heißt es bei der Produktionsfirma Ufa Cinema.
Viele Stofflagen für die Komparsen
Im Kostümzelt angekommen, ist es vorbei mit der Komparsen-Plauderei. Hinter vollen Kleiderständern wuseln die Ankleiderinnen und wechseln die Laiendarsteller von moderner Alltagsklamotte in jene wie vor hunderten Jahren. Eine Engländerin aus dem einfachen Volk soll ich spielen. Zackzack stecke ich in meinem Gewand aus derben Stoffen: Unterkleid, bodenlanges Kleid darüber, Cape, Haube und ein Tuch. Dazu Lederschuhe und Gürtel. Die Sachen stammen aus einem Fundus, erzählte eine Kostümbildnerin bei der Anprobe vor anderthalb Wochen.
Dann stelle ich mich bei der Maske an. Über Schminktischen hängen künstliche Bärte, an einer anderen Wand Bilder von geschminkten Pestbeulen. In der Drehbestätigung war betont worden, dass wir bitte völlig ungeschminkt und ohne Nagellack herkommen sollten. Nun wird unser Gesicht mit dunkler Farbe "verdreckt", die Maskenbildnerin tupft mir noch rote Stellen dazu, "damit du krank aussiehst". Oder wenigstens ein bisschen fröstelnd - die Szene spielt im Winter. Später wird noch eine dunkelbraune Paste auf meinen Händen und Fingernägeln verteilt. Das sieht aus wie frisch vom Buddeln im Garten - und ist ganz schön hartnäckig, wie sich am Abend noch herausstellen wird.
Kaum fertig, muss es ganz flink gehen: Im Sauseschritt bringt ein Assistent zwei andere Komparsinnen und mich zum Drehort. Punkt acht Uhr soll es losgehen. Wir gehören zu den letzten, die noch fehlen. Auf dem Weg reicht er mir eine Tasche, die aussieht wie aus Lumpen, mit Stoff gefüllt und viel schwerer als erwartet ist. Es warten Pferde mit Kutsche, etwa zwei Handvoll andere Komparsen und ringsum viele Filmleute. Unser Job: über eine kleine Brücke laufen. Und wo soll ich hingucken? Wie schnell gehen? Plötzlich ruft einer "Wir proben!", die Pferde laufen los, genau wie andere "Engländer". Ein Schultertippen bedeutet, dass auch mein Auftritt jetzt losgehen sollte. Einmal rüber, kein Problem. Das machen wir noch einige Male, dann ist die Szene im Kasten.
Dabei sind mir die Kameras gar nicht aufgefallen. Besser so: Es ist uns ohnehin streng verboten, dort hinein zu schauen. Das wird schon bei den Hinweisen für Komparsen auf der Internetseite der Agentur "Filmgesichter" betont, die uns Ende April gecastet hat. Dort gibt es auch noch ein paar andere nützliche Tipps: "Diskutiere bitte nie mit der Regie oder dem Betreuer über Anweisungen am Set." Oder: "Frag' nie am Set, wann Drehschluss ist!"
Würden die Hobby-Darsteller um mich herum nie tun - diese alten Hasen, heiß auf jeden Einsatz. Von der Brücke geht es ins Komparsenzelt im Burggraben. Dort gibt es erst einmal einen Kaffee. Warten ist angesagt. Und das, so wie man ja auch immer hört, tatsächlich für Stunden. Was wir natürlich erst später mitkriegen. Das Problem: Es regnet zwischendurch immer wieder, was offenbar den Drehplan etwas verschiebt. Wir schauen neidisch auf die Zelte eines nachgebauten jüdischen Lagers auf der anderen Seite des Burggrabens, wo weitere Szenen gedreht werden - und jene Komparsen mitmachen können, die die Juden spielen.
Auch Hauptdarsteller Tom Payne und Stellan Skarsgård sind dabei. Zwischendurch tauchen sie im Nachbarzelt auf. Wir bleiben cool - mehr als ein paar verstohlene Blicke traut sich keiner. Sowieso geht es den umstehenden Komparsinnen genauso wie mir: Nervöser wären wir, wenn Oscar-Gewinner Ben Kingsley oder der schöne Olivier Martinez dagewesen wären, die auch beim "Medicus" mitspielen - aber an anderen Drehorten.
Nur gut, dass ich kein Ziegenfell tragen muss. "Puh, das stinkt", sagt einer, der da nicht so viel Glück hatte - und nun den ganzen Dreh über mit dem Fell auf dem Rücken herumlaufen muss. Was sich auch nicht sonderlich gut macht, als es zwischen den Schauern wieder richtig warm wird. Zwei andere tragen Kettenhemden, nehmen es aber mit Humor. "Wir rosten hier halt so dahin", sagt einer, nachdem wir uns von der Burgwiese vor einem kräftigen Schauer erneut ins Zelt gerettet haben.
Schlamm auf den Kleidern
Wieder in der Sonne, gehen die Frauen von der Maske umher, rücken Hauben zurecht, machen Hände noch einmal "dreckig" und rufen zum Patinieren, wie sie das nennen: Dabei werden unsere Kleider mit Schlamm auf alt getrimmt. Nach dem Mittag, Reis mit Curry, steigt bei uns "Engländern" die Hoffnung, von der Wartestellung wieder in Aktion treten zu können.
Doch dann sagt am frühen Nachmittag plötzlich einer: "Ihr könnt nach Hause gehen." Die anderen mit uns geplanten Szenen fallen weg. Die Enttäuschung sitzt. Aber so läuft's nun mal beim Film.