Tausende Schlecker-Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft. (FOTO: DPA)
Nächste Woche wird das Geld schon weniger. Am Mittwoch kam das Fax, dass für März nur 75 Prozent des Insolvenzgeldes ausgezahlt wird. Ein Teil soll im April aus der Insolvenzmasse dazukommen. Wenn dann noch was da ist. Schlecker fehlt Geld, aber in geschlossenen Läden haben sie Ware mit 30 Prozent Rabatt verramscht.
Noch habe ich einen Job, meine Filiale gehört nicht zu den geschlossenen. Und bis zum 31. März gibt es Insolvenzgeld. Aber wie es weiter geht, woher dann der Lohn kommt: Ich weiß es nicht. Dabei sind es nur zwei Tage bis April. Dieses Schweigen im Moment, das ist sogar noch schlimmer als die Unsicherheit vorher. Zehn Kilo habe ich seit Januar abgenommen.
Am 15. Januar habe ich über Bekannte aus Sachsen das erste Mal von der drohenden Insolvenz erfahren - acht Tage vor dem offiziellen Fax. Noch am gleichen Tag habe ich mit einem Makler gesprochen, dass ich vielleicht mein kleines Haus verkaufen muss, in dem ich mit meinen Eltern lebe, das noch nicht abbezahlt ist. Danach war nur Unsicherheit. Welche Filiale bleibt? Die Bezirksleiter von Schlecker haben auf der einen Seite gesagt, sie wüssten nichts, auf der anderen Seite aber selber Listen erstellt - Filialen grün, gelb oder rot markiert und davon Andeutungen durchblicken lassen.
In den letzten Wochen ist kein Tag vergangen, an dem die Zukunft nicht Thema war. Meine Eltern sind noch besorgter als ich. Jeden Tag die Frage beim Heimkommen: Gibt es etwas Neues? Dann haben sie mir erzählt, was in den Nachrichten kam. Vor allem abends kommt man da nicht nur Ruhe. Und früh: Habe ich als erstes Zeitung gelesen und den Videotext von N24. Es geht einem viel durch den Kopf, vor allem die Ungewissheit, was nach einer Kündigung kommt. Ich bin seit 1990 bei Schlecker, werde nach Tariflohn bezahlt, war nie arbeitslos, nie auf dem Amt. Und dann sagen dir Leute, dass sie 13 Bewerbungen im Monat schreiben, weil sonst das Arbeitslosengeld gekürzt wird. Ich bin Mitte 50 und habe noch nie eine Bewerbung geschrieben!
Im Laden haben die Kunden immer wieder gefragt. Manche haben mit uns geheult, als alles noch unklar war. Rührend, dass es noch so eine Menschlichkeit gibt. Als am 14. März die Schließungslisten im Internet auftauchten, rief meine Schwester an, dass wir nicht draufstehen. Die Nachricht von der Bezirksleitung kam erst am nächsten Abend. Mir war aber bewusst, dass wir noch gekündigt werden könnten. Welches Auswahlverfahren es geben wird, wusste keiner. Viel lief über Buschfunk - allein für März habe ich 100 Euro Telefonkosten.
Das erste Mal ruhig geschlafen habe ich, als am Montag feststand, dass ich nicht unter den Gekündigten bin. Und nun ist alles wieder unsicher. Vielleicht stehen wir im Sommer wie alle anderen auf der Straße, wenn sich kein Investor findet. Und selbst wenn nicht: Wer weiß, ob nicht das ganze Personal durcheinandergewürfelt wird und wo ich dann lande. Für meine Eltern bräuchten wir einen Pflegedienst, wenn ich weit weg bin. Es ist ja schon jetzt so, dass in vielen verbliebenen Läden nur ein Teil des bisherigen Personals ist, der Rest ist ausgetauscht. Manche Kunden sagen aber, sie wollen nur weiter kommen, wenn auch die gewohnten Verkäuferinnen bleiben.
Hoffnung? Viel ist da nicht.