Größer als gewöhnlich: das neue Taufbecken in Eisleben. (FOTO: JÜRGEN LUKASCHEK)
Eins ist klar: Die Sache mit der gestreiften Badehose soll ihnen nicht passieren in Eisleben. Es war der Gottesdienst einer Baptistengemeinde in Wernigerode, in dem Simone Carstens-Kant einmal eine Ganzkörpertaufe miterlebte. Der Pfarrer trug jenes bunte Stück Stoff unterm durchsichtigen weißen Talar, als er zur Zeremonie schritt. "Das hat die Würde schon etwas gestört", erinnert sich die Leiterin der "Zentrums Taufe" in Eisleben.
Deshalb werden Täufer und Täufling in der Lutherstadt blickdichte weiße Gewänder tragen, ehe sie ins neue Taufbecken steigen - 2,20 Meter im Durchmesser, 70 Zentimeter tief. Die Eislebener St. Petri-Pauli-Kirche bietet damit die Möglichkeit zur Ganzkörpertaufe - in Anlehnung an Jesus, der im Jordan getauft worden sein soll. Nach Angaben der Landeskirche ist das Becken einmalig für ein protestantisches Gotteshaus, jedenfalls innerhalb der Amtskirche. Und die Petri-Pauli-Kirche ist nicht irgendeine: Martin Luther wurde am 11. November 1483 dort getauft.
"Wir wollen die Bedeutung der Taufe stärker in den Blick rücken", sagt Simone Carstens-Kant. Taufe sei in der christlichen Kirche das Einstiegsritual in die christliche Gemeinschaft. "Das ist etwas ganz Elementares." Schon Luther habe die Taufe zum "Geschenk Gottes" erklärt. Daran wollen sie anknüpfen in Eisleben - mit Tauferinnerungs-Gottesdiensten und Workshops, mit Angeboten für Kinder und Jugendliche von der Nachtwanderung bis zur Stadtrallye.
Nicht jedem gefällt das. In der Gemeinde fürchten manche, ihre Kirche verkomme nun zum Ort für Events. Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer, immer gut für einen kritischen Zwischenruf, ätzte in einem Beitrag für Kirchenzeitungen: "Warum nicht lieber in den Whirlpool gehen?" Carstens-Kant kann gut leben mit solchen Vorwürfen. "Wir machen hier keinen Budenzauber", stellt sie klar. Auch einen "Tauftourismus" werde es nicht geben: "Wir werden nicht offensiv dafür werben, sich hier taufen zu lassen. " Sie kann aber nichts Schlechtes daran finden, "Kindern schöne Erlebnisse zu bereiten, wenn sie hierherkommen. Das gehört doch zum Leben dazu."
Was auch Simone Carstens-Kant nicht verhindern kann: Die gestrige feierliche Eröffnung des "Zentrums Taufe" ist so etwas wie ein Event. Das liegt nicht zuletzt an Margot Käßmann. Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hält die Predigt. In ihrer Eigenschaft als frisch gekürte Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017. Sie setzt sich mit der Bedeutung der Taufe für Christen auseinander, die sie in dem Bild zusammenfasst: "Dein Lebenskonto ist vor Gott in den schwarzen Zahlen." So kann das wohl nur Käßmann formulieren. Am Ende applaudiert die Gemeinde - was nach Predigten in protestantischen Gottesdiensten eher selten vorkommt.
Vor Margot Käßmann sind aber erst einmal Margarete und Jacob Quenzel dran. Cousine und Cousin, jeweils ein gutes halbes Jahr alt, gerade mal drei Stunden auseinander. Als erste werden sie in der nach mehr als einjähriger Sanierung wiedereröffneten Kirche getauft, gemeinsam mit zwei Konfirmanden. Übrigens auf herkömmliche Art und Weise. Nicht nur der Taufen wegen ist es ein besonderer Tag für die Familien Quenzel aus Eisleben. Jacobs älterer Bruder Vincent, knapp zwei, wurde als letztes Kind vor der Schließung der Kirche dort getauft. "Das war Zufall", erzählt sein Vater Conrad Quenzel, "aber dann waren wir natürlich darauf bedacht, dass Jacob und seine Cousine die ersten Täuflinge nach der Renovierung sind."
Die beiden Säuglinge zählen damit zu den rund 6 500 Christen, die sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland jedes Jahr taufen lassen. Darunter sind etwa 1 200 Erwachsene. Deren Anteil liege damit doppelt so hoch wie in den westlichen Bundesländern, sagt Projektleiterin Simone Carstens-Kant. Eine Erklärung dafür: "In der DDR konnten sich viele nicht taufen lassen." Etwa wegen kirchenferner Elternhäuser. Viele wollten die Taufe nun nachhholen.
Ob aber Osten oder Westen: Die Ganzkörpertaufe, wie sie nun in Eisleben möglich ist, ist hierzulande nicht sehr weit verbreitet. Im Gegensatz etwa zu den USA. "Viele Amerikaner haben ein Faible für solche großen Zeremonien", berichtet Carstens-Kant. Auch in Deutschland nehme die Nachfrage zu: "Das ist der Wunsch, es am ganzen Körper zu spüren, wenn man sich taufen lässt." Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten: Täuflinge können sich in das Becken stellen und Wasser über den Kopf gießen lassen. Oder sich hinknien und den Kopf ins Wasser neigen. Anmeldungen für eine Ganzkörpertaufe liegen dem Eisleber Taufzentrum allerdings noch nicht vor.
Conrad Quenzel und sein Bruder Benjamin, Vater der kleinen Margarete, gehören zu den Gemeindemitgliedern, die das neue Angebot begrüßen. "Die evangelische Kirche ist eine Weltkirche mit vielen verschiedenen Strömungen", sagt Benjamin Quenzel. Dem könne das Taufzentrum Rechnung tragen.