Erkundungen in der Glockenstube des Petriturmes. Ein Stockwerk weiter oben wohnte einst der Türmer mit seiner Familie (FOTO: MAIK SCHUMANN)
Das Geläut der Kirchenglocken in der Lutherstadt ist auch nicht mehr das, was es einmal. Wer sich am Wochenende kurz vor 18 Uhr auf den einsetzenden Glockenklang konzentrierte, musste erfahren, dass die seit Generationen überlieferte Regel, die eine bestimmte Reihenfolge festlegt, offenbar nicht mehr gültig ist.
"Andreas muss beginnen", sagte "Türmer" Klaus Rohde, vor einer ansehnlichen Schar von Interessenten, die über das "seit Generationen bekannte akustische Markenzeichen" der Stadt etwas mehr erfahren wollten. Erstmals veranstaltete die Türmergilde eine Besteigung des Petriturmes zum Thema Glockenklang.
Doch diesmal war es nicht das Geläut der Andreaskirche, das das abendliche Läuten anstimmte, sondern andere Glocken in der Ferne. War es Helfta? War es die Annenkirche? So eindeutig vermochte das keiner zuzuordnen. Doch schon eine Minute später fielen die Glocken der Marktkirche in das Geläut mit ein, bevor sich dann endlich auch von der Höhe des Petriturms die 4,75 Tonnen schwere Apollonia im Verein mit der 2,75 Tonnen schweren Benigna und der 1,35 Tonnen wiegenden Anna vernehmen ließen.
Nach dieser Einstimmung konnte der Aufstieg zur Türmerwohnung beginnen, wobei das alte Signalhorn, mit dem einst der Türmer die Stadtbewohner auf Gefahren aufmerksam machte, nicht fehlen durfte. Türmer Klaus Rohde drückte es dem 12-jährigen Simon, ehe dieser sich recht versah, mit der Aufforderung in die Hand, doch einmal kräftig hineinzublasen. Der Junge, der in Warendorf bei Münster zu Hause ist und derzeit mit seinen Eltern am Süßen See Urlaub macht, ließ sich das nicht zweimal sagen und blähte sogleich die Backen. Eigentlich lernt er ja daheim Saxophon, doch mit der Tröte kam er auch ganz gut zurecht.
Simon war wie alle anderen Teilnehmer der Turmbesteigung neugierig auf das alte Gemäuer, dessen Erdgeschoss über Generationen als Luthers Taufort angesehen wurde. Heute wissen wir, die Taufe wahrscheinlicher in jener Kirche stattfand, die fünf Jahre nach Luthers Taufe abgerissen wurde, um dem heutigen Kirchenschiff Platz zu machen. Doch eine gesicherte Überlieferung gibt es nicht.