Euro 2012: Viertausend Kilometer Fußball

21.06.2012 19:35 Uhr | Aktualisiert 21.06.2012 20:44 Uhr
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Gordon Böhme und Niklas Wentzel

Gordon Böhme und Niklas Wentzel stehen mit ihrer «Torpedo»-Fahne vor dem Stadion in Charkow, in dem die hallesche Gruppe das Spiel gegen Holland erlebte. (FOTO: MZ)

Von Steffen Könau
Im Wohnmobil nach Kiew: Eine Reisegruppe aus Halle hat die Wirklichkeit hinter den EM-Kulissen erkundet.
Halle (Saale)/Kiew/MZ. 

Straßen wie amerikanische Highways. Nur der Belag ist noch nicht komplett. Freilaufende Kühe und Pferde an der Autobahn. Nirgendwo Hinweisschilder. Aber überall himmelhohe Denkmäler. "Am liebsten Panzer und Flugzeuge", sagt Gordon Böhme, "und immer auf einem Gestell schräg hoch in die Luft."

Es ist eine Reise in ein Land vor unserer Zeit, die der hallesche Internetexperte und Unternehmensgründer Gordon Böhme gemeinsam mit vier Freunden unternommen hat. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Wohnmobil sind die Hallenser - verstärkt durch zwei in Halle lebende Freunde aus Wien - zur Fußball-Europameisterschaft in die Ukraine gefahren: 4 400 Kilometer auf den Spuren der deutschen Nationalelf, die ihre Vorrundenspiele in der ehemaligen Sowjetrepublik am Schwarzen Meer austrug. 4 400 Kilometer aber auch auf der Suche nach der wahren EM abseits der hochglanzpolierten Fernsehbilder.

"Wir wollten natürlich die deutsche Elf unterstützen", sagt Niklas Wentzel, "aber gleichzeitig auch schauen, wie die Leute dort ticken." Von Halle geht es über das polnische Krakow nach Lwow, es folgt ein Abstecher in den Schwarzmeerort Odessa, schließlich die Fahrt zum deutschen Spiel in Charkow, ein Besuch in Kiew und die Rückreise über Lwow nach Halle.

"Karten hatten wir schon vor einem Jahr bestellt, später fiel dann der Entschluss, es mit dem Wohnmobil zu versuchen, weil die Hotel-Preise in der Ukraine wirklich abenteuerlich hoch waren", beschreibt Böhme, der Chef eines Handelsportals für Medizintechnik in Halle. Eine Idee, die sich als genau richtig herausstellen wird. "Wir kamen so an Orte, die wir sonst nie gesehen hätten."

Und gerade dort wartet die wahre EM, die sich von der im Fernsehen gezeigten unterscheidet wie das in den Euro-Stadien ausgeschenkte Getränk von richtigem Bier. "Zumindest was die Ukraine betrifft, findet das ganze Turnier nur auf ein paar kleinen Inseln statt", schildert Wentzel. Einerseits sind da die Camps der einzelnen Fanlager - etwa das der Schweden mit rund 7 000 Einwohnern. Andererseits gibt es die Public-Viewing-Zonen und die Stadien. "Dazwischen ist von der ganzen EM im Grunde nichts zu bemerken", bekräftigt Gordon Böhme.

Außer natürlich die Sicherheitskräfte, die in Kompaniestärke an jeder Ecke stehen, nicht nur in der Innenstadt von Kiew, wo Anhänger der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko ein Protestcamp unterhalten. "Einmal wurden wir von Einsatzkräften mit Kalaschnikows auf einen Parkplatz gewunken", sagt der 31-Jährige, "da traut man sich nicht mehr zu sagen, dass man eigentlich in die Stadt fahren wollte." Zumal es wenig Sinn gehabt hätte: "Keiner der Milizionäre spricht auch nur ein Wort Englisch oder Deutsch".

Was auch Vorteile hat, wie Böhme, Wentzel, Markus Wollschläger und die beiden Wiener Johannes Wolffhardt und Johannes Mandl bei ihrer Rundreise in der Vergangenheit feststellen. Ganz im bewährten sowjetischen Stil haben Sicherheitskräfte und Ordner klare Kampfaufträge. Mal geht es irgendwo nicht hinein, mal darf man irgendwo nicht wieder hinaus. Nie gibt es einen sichtbaren Grund dafür. "Aber entschiedenes Auftreten erschreckt sie dann so, dass sie einfach wegschauen." Wobei auch hier besondere Regeln gelten: Wer mit Restalkohol am Steuer erwischt wird, steht vor der Alternative, auf die Wache mitzukommen oder seine Strafe sofort in bar zu bezahlen. "Und wenn man sich für bar entscheidet, heißt es dann: Legen Sie das Geld hier auf die Erde und fahren Sie bitte weg, damit wir es finden können."

Es ist ein seltsamer Mix aus Sowjetgeist und McDonalds-Feeling, der die Euro 2012 in der Ukraine bestimmt. Je weiter die Fußballfahrt nach Osten geht, desto "höher wird die Lenindenkmaldichte", schmunzelt Böhme. Auch die Kulturbarriere wächst: "In einem Pub gab es Red Bull und es gab Wodka, aber es gab keine Möglichkeit, beides in einem Glas zu bestellen." Gordon Böhme schüttelt den Kopf.

Das Kopfschütteln ist dafür auch kostenlos, wenn der Taxifahrer den zehnfachen Preis aufruft. Oder eine Kneipe ganz eilig schließt, wenn sich Gäste nähern.

Die Stadien dagegen sind perfekt, allerdings leider meistens nur auf einer Seite fertig. "Dort wird immer gefilmt, auf der Rückseite nie." Hinter den strahlenden Fassaden erstrecken sich nämlich wilde Sümpfe, die ursprünglich einmal Parkplatz werden sollten. "Die Ukrainer selbst sind sicher, dass dort nach dem Turnier keiner weiterbauen wird." Auch das hochmoderne Ticketsystem ist zwar vorhanden, funktioniert aber nicht. "Stattdessen macht einem ein Ordner mit Buntstift einen Krakel auf die Karte." Ebenso steht es um die elektronischen Kassen in den Stadien: "Da war keine in Betrieb, alles lief über Bargeld, das in Pappbechern eingesammelt wurde."

Zu trinken gibt es in den Stadien aber ohnehin nur einen Bierersatz ohne Alkohol und Cola. Zu essen gleich gar nichts. "Aber dafür kann man von seinem Sitzplatz im Stadion in jeden anderen Block gehen - es gibt keine Absperrung, keine Kontrolle." Im Spiel gegen Portugal ziehen die Hallenser einfach mal auf die VIP-Tribüne um, drei Meter hinter die deutsche Bank. "Dort waren haufenweise Plätze frei."

Sowieso ist kaum ein Stadion in der Ukraine voll, auch wenn es am Bildschirm daheim so aussieht. "Wir haben beobachtet, wie Karten vor dem Eingang verschenkt wurden", sagt Niklas Wentzel, "teilweise wurden sogar Ukrainer in Fankleidung anderer Länder gesteckt, um die Tribünen zu füllen."

Erlebnisse am Rande, die von anderen Eindrücken überstrahlt werden. "Begeistert waren wir von den schönen Städten, den netten Gastgebern und der Freundlichkeit der Fans aus allen möglichen Ländern." Ob im "Schlammloch", wie der Campingplatz in Lwow spöttisch genannt wird, oder in der endlosen Schlange an der Tankstelle am Stadion in Charkow, die rund 30 000 Fans bei 37 Grad die einzige Möglichkeit bietet, ein kaltes Bier zu kaufen - "es wurde zusammengehalten und zusammen gefeiert." Vor dem Wohnmobil einiger Kölner, denen die hallesche Reisegruppe immer wieder begegnet, sitzen manchmal Dutzende Menschen aus Dutzenden Ländern, die sich mit Hilfe einer speziellen Fansprache aus Englisch, Gebärden, Gesängen, Bier und Fußballernamen unterhalten.

Genau das war es, was die Hallenser gesucht hatten. "Man kann das alles zwar nur genießen, wenn man viel Zeit, Geld und Geduld mitbringt", sagt Gordon Böhme, "aber dann macht es mächtig Spaß."