Flut: Sechzig Stunden Dessau

20.08.2012 19:05 Uhr | Aktualisiert 20.08.2012 19:52 Uhr
Tausende Helfer halfen vor zehn Jahren, die Dessauer Deiche zu sichern. (FOTO: SEBASTIAN) 
Von thomas schaarschmidt
Im August 2002 kämpften Dessau und Roßlau gegen die Flut an Elbe und Mulde. Zehn Jahre später sind die Erinnerungen noch immer präsent.
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dessau/MZ. 

Irgendwann, mitten in der Nacht, kam der Mann mit dem Jaguar. "Packt so viel Säcke rein, wie es geht", rief er in Richtung von Heinrich-Christoph Gieseking. Der wollte und konnte seinen Augen und Ohren kaum trauen. Alles hatte er hier auf dem Sandsackplatz erwartet.

Transporter, Anhänger, schwere Technik. Aber den Besitzer einer Luxuskarosse, der die Helfer auffordert, seinen sündhaft teuren Wagen mit dreckigen Sandsäcken zu beladen? "Ich habe gesagt, das geht doch nicht", erinnert sich Gieseking. Doch der Mann im Jaguar lächelte nur. "Her mit den Säcken. Wenn wir das Wasser nicht gemeinsam aufhalten und der Deich am Ende bricht, dann ist auch mein Jaguar Schrott."

Dessau per Zufall

Es waren knapp sechzig Stunden, die Heinrich-Christoph Gieseking und seiner Bruder Stephan im August 2002 in Dessau verbrachten. Doch die Erinnerungen daran sind bei den beiden Männern aus Minden in Nordrhein-Westfalen unauslöschbar abgespeichert. "Im Gefühlsgedächtnis", sagt der heute 50 Jahre alte Heinrich-Christoph Gieseking, "sind viele kleine Gedanken und Anekdoten aus diesen Stunden zusammengewachsen."

Da war die Ankunft auf dem Sandsackplatz Nord nahe dem Waggonbau Dessau. In einer Freitagnacht waren die beiden spontan aus Minden nach Dessau aufgebrochen, um zu helfen. "Wie bei so vielen anderen waren es die Bilder im Fernsehen", sagt Stephan Gieseking.

"Bei einigen Aufnahmen war zu sehen, dass sich viele Leute mit der Videokamera als Gaffer betätigt haben", sagt Stephan Bruder Heinrich-Christoph, "da dachte ich sofort, die brauchen bestimmt keine Videos sondern Hilfe." Sekunden später war ihm klar. "Wenn ich jetzt nicht selbst dorthin fahre, bin ich letztendlich auch nur ein Gaffer am Fernseher."

Mit einer "Abenteuer-Grundausrüstung", wie es Heinrich-Christoph Gieseking nennt, wurde sich auf den Weg gemacht, das Ziel war offen. "Wir haben gesagt, da, wo Not am Mann ist, werden wir anhalten." Nachdem Magdeburg passiert war, führte der Weg nach Dessau. Nach ihrer Ankunft mitten in der Nacht waren da noch ein paar Seelen am Sandsackfüllen. Die beiden Giesekings packten aus. Und an. Zwei volle Tage am Stück. Was sie erlebten, brannte sich ein. "Ich kann die Bilder nicht vergessen, wie ein vierjähriges Kind einen Sandsack aufhielt und eine Oma mit der Gartenschippe einen anderen füllte."

Nachdem die ersten Säcke befüllt waren, wollten die Mindener sie mit ihrem Auto an ihren Einsatzort zu den Deichen rund um Dessau bringen. Ohne Ortskenntnis aber war das schwer. Gespräche wurden gesucht - und ausgerechnet der Umstand ihrer Fremdheit wurde zu einem Hoffnungsschimmer. "Die Leute haben gesagt, wenn jetzt schon Helfer von hinter Hannover kommen, dann kann uns eigentlich nichts mehr passieren."

Mitarbeiter der Jugendfeuerwehr wurden zu menschlichen Navigationssystemen für die zugereisten Helfer. An Schlaf war nicht zu denken, der Sandsackplatz Nord kam in den bewegten Tagen des Augustes 2002 wie alle anderen auch nie zur Ruhe.

Erst am späten Sonntagabend reiste das Duo aus Nordrhein-Westfalen wieder in die Heimat. Vollkommen übermüdet, aber durchströmt von Emotionen. "Das mag ein alter Spruch sein, aber ich denke, das Hochwasser hat Ost und West mehr zusammengebracht als die Politik", sagt Heinrich-Christoph Gieseking.

Spenden gesammelt

Er ist seitdem nie wieder in Dessau gewesen. Während sein Bruder Stephan noch wochenlang in die Region fuhr, organisierte der Elektroinstallateur daheim bei Unternehmen für den Wiederaufbau notwendige Apparaturen und sammelte Spenden. "Es war eine beeindruckende Zeit", sagt Gieseking heute, "aber letztendlich haben wir nur das getan, was in so einer Situation angebracht ist: zu helfen."