Fördermittelbetrug: Rückkehr des Sonnenkönigs

22.08.2012 21:03 Uhr | Aktualisiert 22.08.2012 21:36 Uhr
In besseren Zeiten: Noch zu Beginn der Bauarbeiten am Bunaklubhaus X 50 surfte Disco-König Martin Niemöller auf einer Erfolgswelle. (FOTO: PETER WÖLK) 
Von Steffen Könau
Ehe er wegen Fördermittelbetruges in Haft kam, herrschte Martin Niemöller über ein Disco-Reich. Heute macht er in Solar - auf seine Art.
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Halle (Saale)/Berlin/MZ. 

Wenn er auftauchte, wurde es laut in Karche-Zaacko. Martin Niemöller rauscht immer noch wie ein Orkan durch die Welt: Mit der Präsenz einer Boeing 747 sagt der 59-Jährige, wo es lang geht. "Der ist gekommen, hat Wind gemacht und hat alle Probleme beiseite gewischt", erinnert sich Friedhelm Richter an den Mann, der die Energie der Zukunft in die Lausitz hatte bringen wollen. Richter, Chef eines Landwirtschaftsbetriebes, hat über die Energie des Ex-Hallensers gestaunt. Musste aber später feststellen, dass da "nur rumgepfuscht wurde".

Firmensitz in der Villa

"Matterhorn-Solar" heißt die Firma, für die Martin Niemöller bei Luckau unterwegs war. Und nicht nur hier. Auch in Korschenbroich, bei Düsseldorf, im uckermärkischen Herzfelde und im brandenburgischen Bornsdorf realisierte das Berliner Solar-Unternehmen "Projekte von der reinen Montage bis zum schlüsselfertigen Kraftwerk", wie es in der Eigenwerbung heißt. Matterhorn, so benannt nach der Firmenadresse in einer Fachwerkvilla am Berliner Schlachtensee, wurde erst vor einem Jahr gegründet. Stemmte aber getreu dem eigenen Wahlspruch "We have the power" schon wenige Monate später Millionenprojekte.

So ist er immer gewesen, der frühere Discokönig Martin Niemöller. Nach dem Mauerfall war der gebürtige Bad Godesberger, über einige Ecken mit dem bekannten Widerstands-Pfarrer verwandt, nach Halle gekommen. In Mitteldeutschland hatte er dann ein Disco-Imperium aufgebaut: Mit der halleschen Schorre und dem Haus Auensee in Leipzig gehörten bekannte Konzerttempel dazu. Später gliederte er auch noch Gaststätten wie den "Krug zum grünen Kranze" und Restaurants in sein Reich ein.

Was Niemöller anfasste, wurde zu Gold. Jahrelang sprudelten die Geldquellen so ergiebig, dass der Kumpeltyp, den alle "Buschi" nannten, viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen konnte. Von einem Tag auf den anderen ließ er seine Kneipen umbauen oder Konzertarenen völlig neu gestalten. Meist gab es zu Beginn der Arbeiten keine festen Pläne, sondern nur eine Vision, die darauf hinauslief, alles größer, toller und schöner zu machen.

Vor neun Jahren dann wollte Martin Niemöller sein Meisterstück liefern. Aus dem ehemaligen Betriebsklubhaus der Buna-Werke in Schkopau sollte Deutschlands modernstes Entertainment-Zentrum werden. 21 Millionen Euro, darunter 9,5 Millionen Euro Fördermittel, wollte Niemöller in den denkmalgeschützten Bau stecken.

Der Mann redet laut und schnell, aber genau so arbeitet er auch. Tausend Tonnen Erde wurden ausgegraben, die Bauhülle entkernt, Kabel verlegt, Fußböden durchbrochen. Und dann war Schluss. Das Land Sachsen-Anhalt, dessen Wirtschaftsministerium Niemöller erst den Tipp gegeben hatte, Beihilfen für die "Stärkung der touristischen Infrastruktur" zu beantragen, drehte den Fördermittelhahn zu. Man habe nicht gewusst, dass eine Großdisco errichtet werde, hieß es.

Es war das abrupte Ende einer langen Laufbahn, die den umtriebigen Gastronomen bis nach Mallorca und Frankfurt an der Oder geführt hatte. Auf der spanischen Insel baute Martin Niemöller den nach Ex-Außenminister Genscher benannten "Genschman II", eine Spaßkneipe. In Frankfurt betrieb er eine Konzerthalle. Und nun auf einmal war der Erfolgsmensch auf der Flucht, wenig später saß er im Gefängnis und musste vor Gericht einräumen, dass er gewagte Wege gegangen war, um fehlende eigene Mittel für die X-50-Investition auf dem Papier nachzuweisen.

Auf zwei Jahre und neun Monate lautete das Urteil. Als es fiel, hatte Martin Niemöller sein Imperium bereits verloren. Ein Insolvenzverwalter versuchte, mit dem Verkauf etwa des "Krug zum Grünen Kranzes" wenigstens ein paar Meter vom fast zwölf Millionen Euro hohen Schuldenberg abzutragen. Martin Niemöller verbüßte den Rest seiner Strafe als Freigänger und arbeitete als Immobilienmakler. Später kursierten Gerüchte, er sei zurück in der Gastronomie und versuche es jetzt mit einem Cocktailstand in der Nähe einer angesagten Konzerthalle in Spandau.

Auf der anderen Seite des Grunewaldes liegt die Matterhornstraße, wo Erika E. und Irmhild J. dann im Sommer 2011 eine Solarfirma gründen. Das Ungewöhnliche: E. und J. sind beide 72 Jahre alt. und beide haben zwar Erfahrungen in der Immobilienbranche, nicht aber in der Solarindustrie.

Die hat auch Martin Niemöller nicht, doch das Konzept des jungen Unternehmens überzeugte trotzdem. Matterhorn mietet Dächer an und rüstet sie auf eigene Kosten mit Solaranlagen aus. Die Dächer werden dann an Anleger verkauft. 7,5 Prozent Rendite verspricht eine Verkaufsbroschüre. Insgesamt sollen 780 Prozent Mittelrückfluss vor Steuern herausspringen. "Außerdem haben sie Provisionen versprochen, wenn jemand neue Dächer akquiriert", erzählt ein Immobilienmakler, dessen Kunden förmlich auf das Angebot flogen.

Am Anfang sei alles gut gegangen, erinnert er sich. Niemöller, der sich als "Bauleiter" vorstellte, wischt auftauchende Brandschutzprobleme ebenso weg wie Probleme mit der Dichtheit der Dächer. Dachdeckermeister Marc Büttgenbach wird engagiert, um Schäden auszubessern. "Das haben wir auch schön gemacht", sagt er.

Martin Niemöller taucht nun nur noch sporadisch in Korschenbroich auf, genau wie in Karche-Zaacko. "Wir stellten schließlich fest, dass die Dächer nicht nur undicht sind", erinnert sich Landwirt Friedhelm Richter. Ein Statiker habe auch bestätigt, dass die gesamte Solaranlage vermutlich wieder runter muss. Zu schwer. Auch in Korschenbroich muss ein Dach wahrscheinlich komplett saniert werden - der Schaden könnte in die Millionen gehen.

Klirrende Schnapsflaschen

"Die hatten offenbar keine Ahnung, was sie da tun", sagt der Immobilienmann aus NRW. Der Bauer erinnert sich an "das Klirren von Schnapsflaschen auf der Baustelle". Die Leute von Matterhorn, allesamt Mitarbeiter von Fremdfirmen, hätten manchmal einfach durchs Dach gebohrt, um Module anzubringen. "Aber Niemöller war sehr überzeugend." Dabei habe es schon im März Hinweise gegeben, "dass da nicht alles koscher ist", sagt Dachdecker Büttgenbach, der noch 17 000 Euro zu bekommen hat. "Aber man hoffte eben, das ist ein sauberer Geschäftsmann."

Nun suchen sie ihn wieder alle, den Martin Niemöller, wie damals, als er nach dem Ende seines Disco-Reiches ins Ausland geflüchtet war. Ans Telefon von Matterhorn geht niemand mehr, Faxe und E-Mails bleiben unbeantwortet, auch sein Handy hat der Sonnenkönig abgeschaltet. Die Staatsanwaltschaft in Berlin hat den Fall auf dem Tisch. "Den kriegen wir nicht mehr", mutmaßt Dachdecker Büttgenbach. In Halle, wo Martin Niemöller seine besten Jahre hatte, schütteln ehemalige Mitarbeiter und Freunde den Kopf. Wieder das ganz große Rad. Wieder der ganz große Knall. "Dabei", sagt einer, "hat er doch noch Bewährung".