Händelfestspiele: Konzertant - aber ganz Oper

04.06.2012 19:49 Uhr | Aktualisiert 04.06.2012 22:39 Uhr
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Von Manuela Schreiber
Mit seiner Aufführung der Oper "Poro, Re dell' Indie" versetzte das Kammerorchester Basel unter Leitung von Geiger Enrico Onofri und seinem beifallumtosten Solisten-Sextett das hallesche Publikum in Euphorie.
Halle (Saale)/MZ. 

Da sage noch einmal jemand, dass es nicht funktioniert, eine Oper konzertant aufzuführen! Natürlich sind die Vorbehalte groß, besonders, wenn es sich um eine so umfängliche Barockoper im Zuschnitt eines "Poro, Re dell' Indie" von Händel handelt. Die umjubelte Aufführung mit dem Kammerorchester Basel unter Leitung von Geiger Enrico Onofri und seinem beifallumtosten Solisten-Sextett überzeugte Samstagabend einmal mehr vom Gegenteil. Denn theatralisch begann die Oper schon kurz bevor sie begann, als drei freigebliebene Stuhlreihen im Parkett der Händel-Halle sehr zur Belustigung des Publikums mit Sackkarren hinausbugsiert wurden - wohl wegen des peinlichen Anblicks.

Doch dann wurde es ernst: das Orchester trat ein, Enrico Onofri band sich mit einem weißen Seidenschal die Barockgeige um den Hals und los ging die Geschichte um die Rivalität zwischen dem Inderkönig Poro und dem alles verzeihenden und verstehenden Weltenbeherrscher Alessandro Il Grande. Die Ouvertüre tönte trotz ihres abgedunkelt peitschenden Moll frisch akzentuiert, wie das Orchester überhaupt während der gesamten Aufführungsdauer über einen glänzenden Gestaltungswillen und flexible Musikalität auf Weltniveau verfügte - und die anspruchsvollen Gesangspartien auf perfekte Weise begleitete, stützte und trug.

Dass alle großen Affekte wie Zorn, Eifersucht und rasende Liebe dem heißblütigen Inder zufallen und damit auch die entsprechend gefärbten Szenen und Arien, erscheint nachvollziehbar. Gleich im ersten Auftritt ist Poro verzweifelt, gehetzt - seine Geliebte wurde vom Griechenkönig gefangen, sein Volk scheint im Kriege unterzugehen. Die Stimme des mittlerweile weltweit gefeierten Countertenors Franco Fagiolis - aus Argentinien stammend - klang anfangs ungewohnt in den Ohren, sehr hell und etwas undeutlich in der Artikulation. Gandarte, sein treuer Gefolgsmann tritt hinzu (perfekte Hosenrolle für die ausdrucksstarke Altistin Kristin Hammarström), um sich als König auszugeben und diesen damit zuretten. Mit weit sopranhaft nach oben steigenden Koloraturen besingt wenig später Poro seine Rachegelüste gegenüber einem Schwert, das Alessandro ihm als Symbol eines Friedensangebots überreicht hat. Erster großer Jubel.

Alessandro wiederum (James Gilchrist mit weichem, beweglichem Tenor) beschreibt eindringlich seine Abscheu gegen die Schändung seiner Gefangenen und gibt Poros Schwester Erissena frei. Keck und tänzerisch bekräftigt sie Alessandros Vertrautem Timagenes (David Wilson-Johnson in der leider nur kleinen Bassrolle), dass sie frei von Liebesbindungen sei. Heimlich jedoch liebt sie Gandarte und bewundert Alessandro - ein Dilemma, aus dem Opernstoffe schon zu Händels Zeiten waren. Ein Disput zwischen dem verkleideten Poro und seiner Angebeteten Cleofide entspinnt sich. Daraufhin beschwört sie (Veronica Cangemi) in einer sanften Arie mit äußerst feinem und ausdruckreichem Sopran und großer Steigerung ihre Liebe zu Poro.

So geht es weiter. Die Emotionen wechseln. Immer wieder lohnt es sich, das Ohr ins Orchester zu richten, auf den satten Unisonostreicherklang und die warmgrundierenden Lautenakkorde zu lauschen, den Text mitzulesen und mal die Augen zu schließen. Und dann ist eben doch, trotz konzertanter Situation, die Oper ganz präsent. Hör- und sichtbar sind Schlachtenklang erhitzte menschliche Gefühle kommen ganz nahe. Die Zeit bleibt stehen bei Poros zauberhafter Arie "Senzo procelle ancore" samt Hörner-Raunen und Blockflötengezwitscher. Riesiger Jubel. "Stupendo! (Fantastisch!)" schreit jemand im Publikum. Euphorie kommt auf - und Enrico Onofri tanzt sein Dirigat dazu.