Hart, nicht herzlich: OB Szabados gratuliert Bald-OB Wiegand. (FOTO: LUTZ WINKLER)
Es war die absolute Minimalversion dessen, was sie sagen musste - und es war gleichzeitig wohl auch die absolute Maximalversion dessen, was sie sagen konnte: "Ich habe zu gratulieren." Diese vier kargen, kühlen Worte rang sich Halles Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD) ab, nachdem am Sonntagabend das Unfassbare geschehen war: Ausgerechnet ihr größter Widersacher, ihr Gegenspieler seit Jahren, ausgerechnet der parteilose Dezernent Bernd Wiegand hatte die Stichwahl um den Posten des neuen Oberbürgermeisters von Halle gewonnen.
Es ist keineswegs untertrieben, den Wahlausgang in Sachsen-Anhalts größter Stadt als Sensation zu bezeichnen. Mag sein, dass der parteilose Wiegand vor allem auf der "Woge einer bei den Wählern doch offensichtlich sehr weit verbreiteten Verdrossenheit über Parteienpolitik" ins Amt getragen wurde, wie es der hallesche Politikwissenschaftler Everhard Holtmann ausdrückt. Mag sein, dass ausgerechnet die SPD-Amtsinhaberin durch ihr hartes Urteil nach dem ersten Wahlgang CDU-Kandidat Bernhard Bönisch einen Bärendienst erwiesen hat: Sie setze nun auf Bönisch, hatte Szabados gesagt, denn "alles andere wäre eine Katastrophe für die Stadt".
Eine Katastrophe? Thilo Hoffmann kennt sich mit Katastrophen aus. Dem Chefarzt der Klinik für Psychotherapie am Diakoniekrankenhaus Halle, kommt jene legendäre Situation nach der Bundestagswahl 2005 in den Sinn. Da saß der ebenso frustrierte wie angriffslustige Bundeskanzler Gerhard Schröder in der "Elefantenrunde" und polterte, seine SPD werde nie, nie, nie eine Große Koalition unter einer Bundeskanzlerin Angela Merkel bilden. Was sie dann wenig später tat.
Und in Halle? Da müssen Szabados und Wiegand erst mal weiter zusammenarbeiten. Immerhin viereinhalb Monate noch, erst am 1. Dezember übernimmt Wiegand das Amt. Wie aber soll das gehen, diese Zusammenarbeit?, fragt man sich. Oder ist es vielleicht genau andersherum? Wird der Clinch jetzt, wo die Würfel gefallen sind, womöglich - und endlich - zur Nebensache? Das kann schon sein, sagt Psychotherapeut Thilo Hoffmann. Verfestigte Feindbilder können natürlich durch eine veränderte äußere Situation aufgeweicht werden. Das Interesse jedenfalls wird sich zwangsläufig auf den Neuen richten. Und auf Terminen wird der Innendezernent Wiegand natürlich immer auch als der designierte Oberbürgermeister Wiegand wahrgenommen.
Dies wäre natürlich ein letzter Dienst der scheidenden Oberbürgermeisterin für die Stadt - vielleicht sogar der größte: Die Voraussetzung für einen geräuscharmen, reibungslosen und, ja, würdevollen Übergang zu schaffen.
Und das wär's dann auch.