Halle: Franckesche Stiftungen beantragen Weltkulturerbe-Titel

04.05.2012 21:33 Uhr | Aktualisiert 04.05.2012 21:58 Uhr
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Franckesche Stiftungen

Blick auf die Franckeschen Stiftungen in Halle. (ARCHIVFOTO: MZ)

Von Michael Falgowski
Nach 14 Jahren auf der Warteliste gibt es nun endlich einen Termin: In drei Jahren wird Deutschland für die als Armen- und Waisenhaus gegründete Schulstadt August Hermann Franckes den Weltkulturerbe-Titel beantragen.
Halle (Saale)/MZ. 

"Die Franckeschen Stiftungen stehen auf der derzeitigen Vorschlagsliste der Kultusministerkonferenz für das Jahr 2015", sagte ein Sprecher des Magdeburger Kultusministeriums der MZ.

Urteil voraussichtlich erst 2017

"Die Entscheidung fällt dann voraussichtlich im Jahr 2017. Früher wäre es kaum zu schaffen," sagte Stiftungsdirektor Thomas Müller-Bahlke, "denn wir stecken derzeit mitten in den Vorbereitungen für das große Francke-Jubiläum im kommenden Jahr, das unsere Kräfte bindet." Der genaue Terminplan soll zwischen allen Beteiligten in den kommenden Wochen abgestimmt werden. Im Ministerium in Magdeburg hofft man auf eine Entscheidung vielleicht im Jahr 2016.

Mit einer positiven Entscheidung der Weltkulturerbe-Kommission würde Halle in den illustren Kreis der derzeit noch 36 deutschen Welterbestätten aufsteigen.

Dass die barocke Schulstadt dem Welterbe-Komitee vorgeschlagen wird, heißt jedoch nicht, dass sie auch durchkommen. Nur rund die Hälfte aller weltweiten Anträge schaffen das", sagt Britta Rudolff, Gastprofessorin im Studiengang Weltkulturerbe und Welterbe-Management an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. Sie hat seit 2003 an allen Sitzungen des Welterbekomitees teilgenommen und war bereits Mitglied des Gremiums.

Einem anderen Welterbe-Experte zufolge, der ungenannt bleiben möchte, lägen die Erfolgsaussichten für die Stiftungen dagegen bei schätzungsweise 80 bis 90 Prozent.

Auch für den Welterbe-Titel im Jahr 2017 wird die Zeit knapp: Allein die Erarbeitung des sehr umfangreichen Antrages dauert zwei bis drei Jahre. Die eingereichten Unterlagen müssen die Einzigartigkeit der Franckeschen Stiftungen deutlich herausarbeiten. Dazu müssen unter anderem internationale Experten Gutachten erstellen, auch Fachtagungen werden stattfinden. "Für die Entscheidung im Komitee ist vor allem die Qualität des Antrags wichtig. Die Stätte selbst macht nur rund 25 Prozent aus", weiß Rudolff. Eine öffentliche Präsentation - wie etwa bei der Olympia-Bewerbung - gebe es nicht. Wichtig sei, dass der Antrag eine inhaltliche klare Ausrichtung habe. "Die Stiftungen haben mehrere mögliche Ansätze. Man könnte mit dem Beispiel des Stiftungswesens in Deutschland argumentieren, mit dem Thema Philanthropie, dem Lehrgedanken und der weltweiten Ausstrahlung der Stiftungen sowie mit dem Thema Frühaufklärung. Man müsse sich entscheiden.

Den Welterbe-Status könne man nur erreichen, so Müller-Bahlke,

wenn die Stadt ihn auch durch ihre Expertise der einzelnen Fachbereiche mit unterstützt. Ein Streitthema in diesem Zusammenhang seit Langem ist auch die Hochstraße an der Nordflanke der Stiftungen. "Es ist sicher hilfreich, wenn die Stadt deutlich zu erkennen gibt, dass sie bei ihren langfristigen Planungen den Interessen der Franckeschen Stiftungen ein höheres Gewicht einräumt als der Hochstraße." Bedingung für den Welterbe-Teil ist der Abriss aber nicht, so der Direktor.

Hoffnung auf Touristen

Vom Welterbetitel versprechen sich alle Beteiligten neben der Aufwertung der ganzen Stadt auch höhere Tourismuszahlen. Laut Rudolff hänge dies aber auch vom Engagement der Stätten selbst ab.

Der Titel allein reiche langfristig nicht. "Studien in Deutschland haben gezeigt, dass es in den ersten zwei, drei Jahren nach der Titelvergabe bis zu 40 Prozent mehr Besucher gibt, danach pegelt sich das häufig leicht über dem Ausgangsniveau ein."

Die Stiftungen warten schon lange. Bereits seit 1998 steht die Schulstadt in Glaucha auf der deutschen Vorschlagsliste für das Weltkulturerbe. "Die Franckeschen Stiftungen sind auf diese Liste gekommen, weil sie eine weltweit absolut einzigartige soziale und pädagogische bürgerliche Zweckarchitektur des 18. Jahrhunderts darstellen", so Müller-Bahlke

Und wegen des immateriellen Erbes - die Schulstadt sei kein Museum, sondern ein Bildungskomplex in historischen Mauern, in dem die Ideen Franckes heute noch lebendig seien.

Bei der Antragstellung wolle man so argumentieren. Man wolle keine Fehler machen. "Auf ein Jahr mehr oder weniger kommt es nun auch nicht mehr an."