Justitia wird meist als Jungfrau mit verbundenen Augen dargestellt, die in der linken Hand eine Waage, in der Rechten das Richtschwert hält. (SYMBOLFOTO: IKISURF/PHOTOCASE.COM)
Der 28. September 2011 hat das Leben einer jungen Hallenserin völlig aus der Bahn gebracht: An diesem Tag wurde die 29-Jährige von ihrem Nachbarn unter einem Vorwand an den Neustädter Kanal gelockt, von zwei Maskierten überwältigt, gefesselt und gezwungen, in einem Maisfeld ihr eigenes Grab auszuschaufeln.
Immer wieder wurde sie, so die Anklage der Staatsanwaltschaft, mit einem Messer bedroht. Sowohl ihre Tötung als auch die ihrer Kinder sei ihr angedroht worden. Hintergrund war, dass die junge Frau 6.000 Euro aus der Wohnung ihres Nachbarn gestohlen haben soll. Doch das Opfer hatte nichts mit dem Diebstahl zu tun und beteuerte immer wieder, nichts von dem Geld zu wissen - weshalb die Täter schließlich von der Frau abließen. Seitdem leidet sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Wegen Geiselnahme steht der 25-jährige Nachbar zurzeit vor dem Landgericht Halle - die beiden Mittäter sind unbekannt. Bislang hatte der Mann die Vorwürfe bestritten, doch gestern räumte er überraschend die Anklage ein. "Ich bereue sehr, was ich getan haben, es tut mir sehr weh", sagte er beim Fortsetzungstermin. Allerdings berief er sich auf eine schwere Drogenabhängigkeit, auch während der Tat habe er unter dem Einfluss von Crystal gestanden. Sein Verteidiger Wolfgang Müller will nun einen Antrag auf eine psychiatrische Begutachtung stellen, um eine Einweisung in eine Entzugsanstalt zu erreichen.
Der Umschwung wurde offenbar durch die dreistündige Vernehmung des Opfers am vorherigen Prozesstag ausgelöst: Per Video aus einem Nebenraum hatte die 29-Jährige minutiös und so detailreich ihre Entführung geschildert, dass keine Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit möglich waren. "Der Angeklagte hat mein Leben zerstört", sagte sie.
Auch eine Polizeibeamtin, die als Zeugin geladen war, betonte: "Bei ihrer Aussage war sie völlig aufgelöst, zitterte und weinte. Sie war sehr glaubhaft." Ins Rollen war der Fall durch den Besuch des Opfers auf dem Polizeirevier gekommen, wo sie um Zeugenschutz gebeten hat. Denn aus großer Angst vor dem Angeklagten hatte sich die Frau versteckt.