Wolfgang Büche, Kustos der Sammlung Gemälde, präsentiert Kirchners Selbstbildnis mit Modell. (FOTO: THOMAS MEINICKE)
Kirchner zeichnet so, wie andere Menschen schreiben. So äußerte sich Ernst Ludwig Kirchner einmal über sich selbst. Stets war der Künstler (1880 bis 1938) mit Skizzenblock und Bleistift anzutreffen. Er zeichnete wie besessen: auf der Straße und im Theater, an der Haltestelle und in der Straßenbahn, im Park und sogar im Kino - dort zumeist die Figuren auf der Leinwand. Mit Bleistift, Kohle oder Feder hielt Kirchner Straßen und Architektur in Dresden und Berlin fest, porträtierte mit schnellem Strich Freundinnen und Besucher seines Hauses, machte Naturstudien auf der Ostseeinsel Fehmarn und im schweizerischen Davos, wo er 1938 starb.
Seine zahllosen Skizzenbücher, von denen sich 180 in seinem Nachlass erhalten haben, sowie etwa 10 000 Zeichnungen, Aquarelle und Pastelle können damit als eine Art visuelles Tagebuch gelten. Sie spiegeln als "gezeichnetes Leben" nicht nur Kirchners Biographie wider, sondern lassen auch die künstlerische Entwicklung in den einzelnen Schaffensphasen des Brücke-Malers erkennbar werden.
Eine Auswahl seiner Arbeiten ist nun in einer sorgfältig zusammengestellten Exposition in den Räumen des Kunstmuseums Moritzburg zu sehen. Gegliedert nach seinen Lebensstationen - beginnend mit seiner frühen, von van Gogh beeinflussten Phase über Dresden und Berlin, Fehmarn und Davos - zeigen seine Arbeiten Akte im Atelier und in freier Natur, Paare und Tanzszenen, Landschaften und Interieurs, Strand- wie Straßenszenen, Bewohner und Landschaften der Schweizer Bergwelt. Den Zeichnungen und Skizzen hat Kurator Büche in jedem Ausstellungsabschnitt jeweils ein Gemälde zugeordnet. Auch zwei Skizzenbücher Kirchners sind zu sehen.
Kirchners Kunst entsprang in hohem Maß selbst Erlebtem und entwickelte sich aus seinem persönlichen Umfeld. Dabei sei, so Wolfgang Büche, Kustos der Sammlung Gemälde, sein Zeichenstil bemerkenswert. "Mit wenigen Strichen hat Kirchner, der bis zur Ekstase zeichnete, sein Modell erfasst", so Büche, der am Rande der Präsentation der Arbeiten am Donnerstag noch eine kleine Überraschung in petto hatte: Auf einer Kunstauktion konnte das Kunstmuseum Moritzburg eine Bleistiftzeichnung von Lyonel Feininger erwerben: "Kirche von Gelmeroda" von 1913.
Die in der am Sonnabend öffnenden Ausstellung gezeigten Arbeiten Kirchners stammen aus der Sammlung Hermann Gerlinger, der damit auch drei Neuerwerbungen präsentiert: ein Selbstporträt, das Bild eines Waldstücks sowie eine Zeichnung, die Elisabeth Hembus, Frau eines Freundes, zeigt. Dabei besticht die Sammlung laut Büche durch ihre Qualität in Format, Ausgestaltung und Farbigkeit der Zeichnungen und Skizzen.
Die Schau "Ernst Ludwig Kirchner - Ein gezeichnetes Leben" ist der Auftakt für einen dreiteiligen Zyklus, der sich ausführlich mit den Handzeichnungen der Brücke-Maler beschäftigen wird. Dass die Reihe mit Kirchner eröffnet wird, erklärt sich aus dessen Bedeutung als einer der wichtigsten Vertreter der Zeichenkunst des 20. Jahrhunderts. Im Herbst folgen Ernst Heckel und Anfang kommenden Jahres dann Karl Schmidt-Rottluff.
Eröffnung der Ausstellung "Ernst Ludwig Kirchner - Ein gezeichnetes Leben" in Anwesenheit von Hermann Gerlinger, am Sonnabend, 15 Uhr.