HFC-Aufstieg: Halle ist wieder im Spiel

20.05.2012 19:55 Uhr | Aktualisiert 20.05.2012 19:57 Uhr
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Kinder

Der HFC will künftig noch mehr Kinder und Familien ins Stadion locken. (FOTO: LÖFFLER)

Von Christoph Karpe
Vom Aufstieg des Halleschen FC profitiert die gesamte Stadt. Sie ist ab sofort deutschlandweit präsent. Was noch fehlt, sind neue Sponsoren.
Halle (Saale)/MZ. 

Das pure Glück hatte die Beherrschung besiegt. Entrückt stand Michael Schädlich 30 Meter vor der Fankurve auf dem Rasen des halleschen Erdgas-Sportparks und gestand: "Ich habe nicht nur heimlich ein paar Tränen verdrückt." Am liebsten wäre der Präsident des Halleschen FC in jenem Moment am Samstagnachmittag - kurz nach dem Abpfiff des letzten Spiels gegen RB Leipzig - in besinnliche Einsamkeit geflüchtet. Ging nicht. Er stand da, als einziger aller Klub-Verantwortlichen, allein in der Euphorie-Brandung.

Etwa 150 Fans des HFC hatten, als der Aufstieg in die dritte Fußball-Liga feststand, eindringliche Hinweise missachtet, ja nicht über die Innenraummauer zu klettern. Schädlich war das egal. An anderen Tagen hätte ihn solche Ignoranz vielleicht geärgert. Aber jetzt, da die wichtigste Etappe seiner zehnjährigen Amtszeit gewonnen war, freute er sich aus tiefstem Herzen mit den Jubelnden, die auf ihn zustürmten. Reihenweise fielen ihm die Fans um den Hals, wollten die Schulter klopfen, seine Hand drücken. "Danke, Herr Präsident", waren die häufigsten Worte, die ihm die Anhänger, manche davon auch angetrunken, zuriefen. Schädlich, im biergetränkten roten Aufstiegs-Shirt, wies in dem Moment niemanden ab. Er ließ sich sogar überreden, von drei Fans, die soeben sich und dem Boss gratuliert hatten, ein Smartphone-Foto im Innenraum zu schießen.

"Es ist doch toll, diese Freude und diesen Stolz auf unseren Verein zu sehen", sagte der Präsident. Und dann fasste er die Gefühle weiter: "So ein Klub mit seiner Emotionalität kann das Selbstwertgefühl einer ganzen Region steigern." Das klang zwar etwas pathetisch, doch irgendwie passte diese Vision, die gerade beginnt, Realität zu werden. Denn, und darin waren sich alle einig, nach 20 Jahren einer oft neidvollen Zuschauerrolle ist der Hallesche FC wieder mittendrin im Profi-Geschehen. Und damit auch das Land Sachsen-Anhalt. Der Makel eines weißen Flecks auf der deutschen Fußball-Landkarte ist getilgt.

Schädlich weiß dies alles. Und als Wirtschafts-Experte hofft er zugleich auf einen für den Klub existenziellen Effekt: Zulauf potenzieller Geldgeber. Aktuell sieht es noch so aus, als ob es eine Herkules-Aufgabe wäre, den 4,5-Millionen-Euro-Etat, mit dem der HFC in der neuen Liga bestehen will, zu stemmen. Und so marschierte Schädlich, als die Fans friedlich aus dem Innenraum zogen, nicht nur glücklich, sondern auch grübelnd hoch in die zweite Stadion-Etage - dorthin, wo sich gerade die VIPs, vor allem Sponsoren, zuprosteten. Aber auch dort war er der Held des Tages - ob er es wollte oder nicht.

Jens Bullerjahn, nicht nur Sachsen-Anhalts Finanzminister, sondern auch leidenschaftlicher HFC-Fan, drückte den Vertrauten an die Brust. Dann ging es auf die Balustrade zum Innenraum. Das Gruppenfoto mit dicker Sektflasche und in Aufsteiger-Shirts stand an. "Ach", sagte der SPD-Mann, der Schädlichs Sorgen kennt, "so ein Aufstieg ist doch gar nicht mit Geld aufzuwiegen." Fußball, der gerade in so einem schönen neuen Stadion auch als Familiensport wahrgenommen werden kann, sei zunächst "Transporteur von Emotionen". Und Bullerjahn freute sich. "Die Menschen werden die Bedeutung dieses Aufstiegs erst richtig wahrnehmen, wenn Bilder und Berichte vom HFC plötzlich in der Samstags-Sportschau zu sehen sind, wenn der Klub in ganz Deutschland zur Kenntnis genommen wird." Von Rostock bis Saarbrücken, von Aachen bis Unterhaching, also München, spräche man ab jetzt über den Halleschen FC. "Wer würde denn wissen, dass Veilchen mehr als Blumen sind und wo der 18 000-Einwohner-Ort Aue liegt, wenn der FC Erzgebirge nicht in der zweiten Liga kicken würde", sagte Bullerjahn. Zugleich hatte er einen Wunsch. "Es wäre schön, wenn der 1. FC Magdeburg bald nachziehen könnte, damit kein tief sitzender Neid aufkommt."

Dagmar Szabados, Halles scheidende Oberbürgermeisterin, interessierte die Magdeburger Konkurrenz in dem Moment nicht. Sie war erst einmal "stolz, die OB einer Stadt mit Drittliga-Fußball zu sein". Und auch sie sah den enormen "Imagegewinn" für die Stadt. Dennoch: Trotz HFC-Aufstieg, Schwimmweltmeister Paul Biedermann und großartiger Leichtathleten, die sie vor dem HFC-Kick bei den Werfertagen besucht hatte, steht für Szabados fest: "Halle ist deswegen noch keine Sportstadt. Wir definieren uns zunächst als Stadt der Wissenschaft. Die ist unser größtes Potenzial, weil sie sogar weltweit wahrgenommen wird." Neben dem Sport sei auch die Kultur wesentlich für das Lebensgefühl. Eine Aufrechnerei bringe nichts. Aber: "Sport schafft nun einmal keine Werte", sagte Szabados so wahr wie nüchtern - trotz ihres strahlenden Gesichts.

Doch auch sie wünschte sich, dass "der HFC nun aus dem Umland noch breiter getragen wird. Er ist schließlich die Mannschaft für das südliche Sachsen-Anhalt". Was nichts anderes heißt, als dass sich die Region und ihre Unternehmen stärker finanziell engagieren mögen. Zugleich sah sie sich nun erst recht im Bau des Stadions, der wegen vermeintlich nicht eingehaltener Formalien vom Landesrechnungshof kritisiert worden war, bestätigt. "Jetzt gibt es wohl endgültig niemanden mehr, der sagt Halle brauche diesen modernen Sportpark überhaupt nicht", sagte sie und fragte kess Richtung Rechnungshof-Chef Ralf Seibicke: "Wer ist eigentlich Herr Seibicke?" Nein, fortführen wollte sie das Thema nicht. Dafür war der Tag, an dem Halle einen Namen als Fußball-Stadt bekam, dann doch zu schön.