Zehn Jahre nach der Jahrhundertflut an Elbe und Mulde wird anlässlich dieses Jubiläums entlang der Flüsse wieder viel über den Hochwasserschutz und das, was noch gemacht werden muss, diskutiert. Zwei Jahre nach dem letzten Saale-Hochwasser, das es im Januar 2010 auf die gefährliche Rekordmarke von fast sieben Metern geschafft hat, ist es dagegen still geworden um die Sicherheit an den Deichen. Was aber vor allem die Neustädter nicht ahnen: Die größte Gefahr für ihren Stadtteil schlummert genau vor ihren Türen. Der Gimritzer Damm kann für Neustadt nur noch eingeschränkt Schutz vor Hochwasser bieten.
Zu dieser Einschätzung kommen Untersuchungen zur Standsicherheit des 1 226 Meter langen Deiches. Die wurden 2011 vom Umweltministerium Sachsen-Anhalt in Auftrag gegeben und fördern nun Erschreckendes zutage: Es gibt nur zwei Möglichkeiten, Neustadt künftig effektiv vor einem Saale-Hochwasser zu schützen. Variante eins wäre nach Angaben von Ministeriumssprecherin Jeanette Tandel die "Ertüchtigung des vorhandenen Deiches durch das Einrammen einer tragenden und abdichtenden Spundwand".
Möglichkeit Nummer zwei wäre der Neubau eines Deiches entlang der Halle-Saale-Schleife und damit wesentlich dichter am Fluss. Wann der Hochwasserschutz für Neustadt deutlich verbessert werden kann, das ließ Tandel offen: "Zum Zeitpunkt einer möglichen Umsetzung können gegenwärtig keine Aussagen getroffen werden. Nach intensiven Beratungen mit der Stadtverwaltung in Halle werden die vorgeschlagenen Varianten weiter von Planern untersucht."
Anzunehmen ist also, dass es mit der Sanierung des Gimritzer Damms oder aber dem Neubau eines Deiches noch lange Zeit dauern könnte. Und auch die Frage, wer dann finanziell dafür gerade steht, ist längst noch nicht geklärt. Denn, so Tandel: "Die Umsetzung beider Varianten setzt ein teilweise umfangreiches Genehmigungsverfahren voraus. Aussagen zur Finanzierung können zum gegenwärtigen Zeitpunkt deshalb nicht gemacht werden." Allerdings brachte die Sprecherin bereits eine vorsichtige Schätzung zu den Kosten ins Spiel: "Es sind Kosten von mehr als einer Million Euro zu erwarten."
Als Gründe für den schlechten Zustand des in den 30er Jahren gebauten und zwischen 1,30 Meter und 1,50 Meter hohen Gimritzer Damms nannte Tandel, dass der Deich aufgrund seiner geringen Höhe jahrelang "nicht als maßgebliche Deichanlage wahrgenommen wurde". Der Damm sei dicht bewachsen und diene neben seiner eigentlichen Funktion auch als Fuß- und Radweg. Das aber ist für Hochwasserschutzanlagen unüblich, teilweise sogar verboten.
Der historisch gewachsene Deichkörper des Gimritzer Dammes besitzt zudem keine einheitliche Deichform und ist aus unterschiedlichen Schichten aufgebaut. Seine Böschungen seien stellenweise deutlich steiler als vorgeschrieben und über seine gesamte Länge dicht mit Bäumen bewachsen. "Die stellen eine erhebliche Gefährdung der Standsicherheit der gesamten Anlage im Hochwasserfall dar", so Tandel.
Kommt es bei Sturm zum so genannten Windwurf, also dem Umstürzen von Bäumen, ist der Gimritzer Damm nicht standsicher. An einigen Stellen bestehe sogar die Gefahr, dass bei fallendem Pegel Böschungen auf der Wasserseite des Damms ihren Dienst schlicht versagen: Das bedeutet Deichbruch mit schlimmen Folgen für Halle-Neustadt.