Daumen hoch... (FOTO: ANDRÉ KEHRER)
Hier haben es Marketingexperten nicht leicht, kämpft die Region doch seit Jahrzehnten gegen überkommene Vorstellungen.
"Von der dreckigsten Stadt Europas in der Vergangenheit zu einem spannenden Standort in der Gegenwart - dieser Spagat ist groß", sagt Hardo Kendschek vom Beratungsunternehmen "empirica", das auch die Stadt Bitterfeld-Wolfen berät. Denn ein bereits vorhandenes Image zu verändern, sei "verdammt schwierig". Zumal es nicht nur in den Medien, sondern auch in der Wissenschaft eingeübte Rituale gibt. Bestes Beispiel ist Wolfen-Nord - neben Hoyerswerda das mit am häufigsten genannte Beispiel für die "schrumpfende Stadt". Sogar in eine internationale Studie mit dem Namen "shrinking cities", hat man es geschafft. Dabei wirke bereits das "Wort Schrumpfung abschreckend", stellt einer der Autoren fest. Während Bitterfeld für einige also immer noch das Synonym für "Umweltverschmutzung" ist, wird Wolfen-Nord weiterhin als Sinnbild der "sterbenden Stadt" herangezogen.
Gegen diese Zuschreibungen von außen versucht die "große Stadt" etwas entgegenzusetzen. Doch Größe ist bekanntlich nicht alles. Das zeigt folgendes Beispiel. Bis vor geraumer Zeit brüstete man sich mit dem Titel "viertgrößte Stadt Sachsen-Anhalts".
Doch nachdem auch Wittenberg in der Bevölkerungsentwicklung vorbeigezogen ist, bleibt für Bitterfeld-Wolfen nur noch Rang fünf. Und der taugt wenig, um positive Schlagzeilen zu bekommen.
Seither kursiert daher der Begriff "grüne Industriestadt am See" in aller Munde. In Anlehnung an die Wolfsburger "Autostadt" will man so ebenfalls eine eingängige Marke etablieren. Doch wofür steht die dann eigentlich? Sowohl Bitterfeld als auch Wolfen haben als Industriestandorte eine lange Tradition. "Bitterfeld, Wolfen und auch Thalheim waren und sind - was Zukunftstechnologien anbelangt - schon immer schneller als andere gewesen", sagt Hardo Kendschek.
Und: "Hier arbeiten Menschen aus vielen Regionen und Ländern." Die Tatsache, dass heute auf dem Gelände des P-D Chemieparks Firmen von allen Kontinenten der Erde produzieren, zeige, dass der Standort "weltoffen" ist. "Unterschiedliche Kulturen zu integrieren, hat hier eine lange Tradition."
Dies müsse man weiterentwickeln, denn "nur wer offensiv denkt, kann auch offensiv spielen". Und da die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bis zum Jahr 2030 um bis 40 Prozent sinke, müsse man dem "Hauen und Stechen um Fachkräfte" mit einer "Willkommenskultur" begegnen. Dabei stehe weniger die Goitzsche als Tourismusmagnet, sondern vielmehr die "jugend- und familienfreundliche Stadt" im Mittelpunkt. "Zielgruppenorientierung", nennt das der Fachmann. Dies dürfe aber keine Floskel bleiben. "Wenn man mit einem Slogan wie 'Wir haben den Bogen raus' wirbt, dann muss man dieses Versprechen auch halten." Das sieht die Stadtverwaltung ebenso.
"Nur durch Broschüren kann man kein Image-Wandel hinbekommen." Vielmehr müsse sich das Selbstverständnis der Stadt entwickeln, denn nur was im Inneren gelebt wird, kann auch nach Außen ausgestrahlt werden.