Sorgen um das Neustädter Rathaus. Es findet sich kein Interessent. (FOTO: J. LUKASCHEK)
"Da ist Gefahr im Verzug", meint Volker Wagner. Er wohnt im Breiten Weg in Eisleben und seine Sorge gilt dem alten Neustädter Rathaus an der Ecke Breiter Weg / Annengasse. Das historische Gebäude bietet seit vielen Jahren einen trostlosen Anblick; die Giebelseite zur Annengasse hin musste bereits mit einer Holzkonstruktion abgestützt werden.
Und dort ist Wagner jetzt ein "unheimlicher Riss" aufgefallen, der sich von unten nach oben durch die Fassade zieht. "Ein Bausachverständiger oder Statiker sollte sich der Sache mal annehmen", so MZ-Leser Wagner. So wie der Riss aussehe, befürchte er, dass bald die Wand einstürzen könne.
Diese Gefahr besteht laut dem Bauordnungsamt des Landkreises nicht. Nach einer MZ-Anfrage zu dem Thema hätten sich Mitarbeiter des Amtes das Gebäude angesehen, so Uwe Gajowski, Sprecher der Kreisverwaltung. Der Riss sei bereits 2001 vorhanden gewesen, wie entsprechende Fotos zeigten.
Die Mitarbeiter hätten anhand dieser Fotos den damaligen und den aktuellen Zustand verglichen und festgestellt, dass es "keine substantielle Veränderung" gebe. "Daher ist es derzeit nicht notwendig, Maßnahmen einzuleiten", so der Sprecher der Kreisverwaltung.
Unabhängig von dem Riss steht das geschichtsträchtige Haus ohnehin vor dem Verfall. Denn eine Sanierung, die seit langem dringend notwendig wäre, ist derzeit nicht abzusehen. Der letzte Eigentümer, ein Schweizer, habe nämlich auf sein Eigentum verzichtet, so Maik Knothe, Sprecher der Stadtverwaltung. Dies ist möglich, indem der Eigentümer gegenüber dem Grundbuchamt den Verzicht auf sein Grundstück erklärt.
"Das bedeutet, dass das Grundstück zur Zeit herrenlos ist", so Knothe. "Wer es haben will, muss nur zum Gericht gehen und kann sich als Eigentümer eintragen lassen." Steffen Lutz, Direktor des Eisleber Amtsgerichts, wo das Grundbuchamt angesiedelt ist, bestätigt gegenüber der MZ, dass der Eigentümer 2009 auf das Grundstück verzichtet habe.
Laut Gesetz hat danach zunächst das Land das Recht, sich so ein herrenloses Grundstück anzueignen. Bislang hat das Land im Fall des Neustädter Rathauses dieses Recht aber nicht wahrgenommen. "Das Land hat aber auch noch nicht auf die Aneignung verzichtet", so Lutz. Im Klartext: Das Land könnte sich das alte Rathaus aneignen, hat das bis jetzt aber noch nicht getan. Und ein privater Interessent könnte erst dann zum Zuge kommen, wenn das Land verzichtet hat.
Interessenten sind freilich nicht in Sicht. Laut Kreisverwaltung habe das Institut für Denkmalpflege 1990 ein Sanierungskonzept erarbeitet. 2000 seien die Nachbarhäuser Annengasse 1 und 2 abgerissen worden. Durch Um- und Neubau sollte ein Altenpflegeheim entstehen - was dann aber nicht umgesetzt wurde. 2008 sei eine Notdeckung des Daches erfolgt.