Köstlich: Stefan Schneegaß lässt sich von Barbara Schüler ein Handy mit Vibration vorführen. (FOTO: ACHIM KUHN)
"Das ist unser Hoheitsgebiet", tönt es von links. Von rechts kommt zurück: "Im Grundgesetz steht: Der Ast des Nachbarn ist unantastbar." Ja, Gartennachbarn und ihre Befindlichkeiten sind ein dankbares Thema, auch für Sommerkabarettisten. Denn das ist die Zeit, in der es knistert über den Zaun hinweg. Der Ärger entzündet sich am Ast des Pflaumenbaums, der das Gurkenbeet beschattet. Aber eigentlich sind die Differenzen in der Natur begründet, so wie zwischen Bier und Sekt, Kittelschürze und Tenniskleid.
"Auf die Andern! Fertig! Los!" heißt das neue, inzwischen achte Programm des Wittenberger Kabarettfestivals. Die Wittenberger "Reißzwecken" piksen diesmal nicht nur die heiße Luft aus den Sprechblasen zwischen Mann und Frau, sondern haben sich in diesem Jahr sogar mal einige lokale Dinge zur Brust genommen. In "Wittenberg - Die Stadt, die niemals schläft" wird das pulsierende Leben der Collegienstraße geschildert, so wie es wirklich ist.
"Au weia" wird sich mancher nun denken, aber Kabarett ist schließlich dazu da, den Finger auf die Wunde zu legen, solange das Geld für das Pflaster fehlt. Und so eine Finanzkrise, egal ob auf europäischer oder städtischer Ebene, ist eine Steilvorlage für Berufslästerer. "So pleite wie wir sind, werden wir bald die Drachme einführen", sagt der Bürger (Stefan Schneegaß) auf der Straße. Touristen könnten kaum ein Foto von der Thesentür machen, da sofort Schuldnerberater Peter Zwegat daneben stehe. Nur eine Touristin (Alexandra Herhausen) findet das alles toll. "Ich habe noch nicht viel gesehen, aber das gefällt mir gut", flötet die Dame aus Great Britain, die immerhin weiß, dass Martin Luther in "Icelife" geboren wurde.
Doch Wittenberg bleibt Provinz, oder wie es ein Kabarettist (Mario Welker) ausdrückt: "Provinz ist überall dort, wo man uns für Intellektuelle hält." So wandelt das diesjährige Programm zwischen Nachbarschaftsstreit (in dem plötzlich die Frauen ihren Männer die Leviten lesen) und dem von den Mayas angeblich prophezeiten Weltuntergang, zwischen Klimawandel, Klimakterium und Wittenberger Hundekot. Keine Politik, und wenn, dann fast nur in homöopathischen Dosen. An Stelle der Scherze um die Promis der Stadt prägen sich ins Bewusstsein wichtige Sätze ein wie: "Der Fleischesser wird der Raucher von morgen sein." Und dem Neurotiker, der Schwermetall in der Leberwurst vermutet, wird geraten, er solle einen Magneten über das Wurstbrot halten. Wenn es nicht ranfliegt, kann alles nicht so schlimm sein.
Ralph Richter, Autor des Programms, fehlt, so scheint es, ein bisschen Biss. Zwar stichelt auch er bei seinem Solo-Part über Krise und europäische Politik, aber der Stiefel, mit dem er den Verantwortlichen in den Hintern treten könnte, bleibt in der Luft hängen. Das Sommerkabarett der "Reißzwecken" liegt dem Gast, wie in den Vorjahren, nicht zu schwer im Magen. Das ist von den Machern auch nicht gewollt. Bei Sommerwärme soll man bekanntlich nichts schwer Verdauliches zu sich nehmen. Aber ein bisschen mehr Feuer könnten die Kabarettisten den Würstchen, die sie da durch den Kakao ziehen, schon machen.