Königlicher Besuch: Wie viel Oranje steckt in Sachsen-Anhalt?

23.04.2012 21:33 Uhr | Aktualisiert 25.04.2012 13:01 Uhr
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Tulpen aus Amsterdam

Tulpen aus Amsterdam. (ARCHIVFOTO: DPA)

Von Ralf Böhme, Katrin Löwe und heidi thiemann
Wie viel Oranje steckt in Sachsen-Anhalt? Am Mittwoch kommt Königin Beatrix nach Mitteldeutschland, hunderte ihrer Landsleute sind schon lange hier - und bewegen einiges.
Halle (Saale)/MZ. 

Die Liebe zwischen Holländern und Sachsen-Anhalt wächst und wächst. Selbst Königin Beatrix ist am Mittwoch zum zweiten Mal in acht Jahren hier. Und ihre Landsleute? Knapp 100.000 Mal haben die netten Nachbarn als Touristen ihre müden Häupter auf Kissen zwischen Altmark und Fläming, Brocken und Elstertal gebettet - allein im vorigen Jahr. Damit belegen die Niederlande den ersten Platz in der inoffiziellen Nationenwertung. Und, was das Beste ist, mancher der Gäste bleibt nicht nur zwei, drei oder vier Tage. 652 Holländer leben laut Statistischem Landesamt in Sachsen-Anhalt, die meisten in der Börde, im Harz und in Anhalt-Bitterfeld. Viele von ihnen arbeiten unternehmerisch, nicht selten in der Landwirtschaft. Nach Auskunft des Netzwerkes Niederlande-Mitteldeutschland gibt es 151 Firmen in der Hand von Holländern. Hier eine kleine Auswahl von Oranjes, die im wilden Osten ihre neue Heimat entdecken, und anderen interessanten Fakten, die zeigen, wie viel Holland in Sachsen-Anhalt steckt.

Der Politiker: Rein personell gesehen hat er vor 20 Jahren eine ganze Menge Holland nach Sachsen-Anhalt gebracht hat: Kees de Vries kam mit vier seiner Geschwister und damals insgesamt sechs Kindern, um als Landwirt seine Chance im Osten zu packen. "Heute sind wir immer noch fünf Geschwister, aber insgesamt 13 Kinder", sagt er lachend. Der Betrieb in Deetz (Anhalt-Bitterfeld) läuft, mit 1 500 Milchkühen und Kälbern und 1500 Hektar Land. Und: de Vries, seit 1999 politisch engagiert, wäre fast der erste Bundestagsabgeordnete mit holländischen Wurzeln geworden. 2009 musste sich der CDU-Politiker - der "Mann mit Rudi-Carrell-Dialekt", wie ihn Medien damals nannten - nur knapp geschlagen geben. Heute sitzt er im Kreistag, die Liste seiner Mitgliedschaften in Vereinen und Arbeitskreisen ist erklecklich lang. Bereits seit 2005 hat de Vries die deutsche Staatsbürgerschaft, seine Frau und fünf seiner heute sechs Kinder haben sie beantragt. Wie viel Holländer noch in ihm steckt? "Den Dialekt werde ich bis zum Tod haben", sagt er trocken, "aber sonst sind wir uns doch ziemlich ähnlich. Und ich bin angekommen."

Die Schlossherren: Agonda und Eric van de Merwe wohnen seit sieben Jahren im inzwischen weitgehend sanierten Schloss Biendorf (Salzlandkreis). Das Paar schreibt Dorfgeschichte. Allein schon deshalb, weil das gerettete Ensemble wunderschön ist. Damit aber nicht genug. Es ist so schön, dass sich hier sogar Superstars von Ajax Amsterdam wohl fühlen können. Eine Auswahl des niederländischen Rekordmeisters spielte gegen die Fußball-Abteilung des BSC Biendorf. Es ist eines der schönsten Geschenke anlässlich des 100-jährigen Vereinsjubiläums, eingefädelt vom Eric van de Merwe, der sich ansonsten zwei Aufgaben widmet. Das ist zum einen die Pferdezucht in Biendorf. Und zum anderen führt der Holländer das Kino in Bernburg in die schwarzen Zahlen zurück. Filmfreunde aus nah und fern danken es ihm.

Der Schweinebauern: Borstenvieh und Schweinespeck - das ist die Welt des Leon van Dijck, Chef der Schweinehaltung GmbH und Co. KG in Düben (Landkreis Wittenberg). Seit 2005 ist der Holländer in dem kleinen Ort bei Coswig zu Hause. Das Startkapital: 700 Sauen. Nach dem Bau von drei Riesenställen füttern seine 14 Mitarbeiter jetzt täglich 16 000 Schweine. Jede Woche werden rund 1 200 Ferkel geboren. Dahinter steht eine Direktinvestition von 7,5 Millionen Euro. Die Anlage ist, wie andere ähnliche Projekte von Holländern in Sachsen-Anhalt, umstritten. Ein Grund: Wenn Gülle abgepumpt wird, stinkt es. Dieser Geruch ist freilich nicht neu in dieser Gegend - Schweinezucht gibt es hier schon sehr lange. Selbst der Naturpark-Verein, der die Fläming-Region voran bringen will, sieht in dem Neu-Dübener keinen Gegner. Der Holländer verweist auf das Landeskontrollkataster für Zucht- und Mastbetriebe. Über das Internet sei für jeden einsehbar, wann und wie der Betrieb kontrolliert werde. "Es ist wichtig, dass schwarze Schafe heraus gefischt werden."

Die Tulpen-Züchter: Dass Tulpen im Garten blühen, verdanken die Deutschen den Holländern. Über 80 Prozent der Welt-Tulpenproduktion stammt nämlich aus den Niederlanden. Hier werden über 1 200 Sorten angebaut. Die Anbaufläche beläuft sich gegenwärtig auf 9 500 Hektar. Holländische Blumenhändler, darunter in Halle, haben sich auf den Einkauf und die Lieferung spezialisiert. Allerdings gibt es auch Bestrebungen von Holländern, den Tulpenanbau im Burgenlandkreis ganz groß aufzuziehen.

Die Camper: Es war die Regional-Nachricht zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 - "Oranjes färben Schlaitz ein". Walter Berger kriegt noch immer Gänsehaut, wenn er an die mehr als tausend Holländer denkt, die damals das Heidecamp bevölkerten und ihr Sommermärchen im Kreis Anhalt-Bitterfeld feierten. Überhaupt: Unter ausländischen Gästen stehen die Oranjes noch heute definitiv an Nummer eins im Camp. "Ein lustiges Reisevölkchen", sagt Inhaber Berger und schwärmt: gemütlich, Naturburschen, familienfreundlich und immer interessiert - das seien die Holländer, wie er sie erlebt. Sie essen abends Soljanka und schnappen sich tagsüber die Räder, um die Gegend zu erkunden. Und: "Sie regen sich nicht gleich über alles auf. Da könnte sich hier mancher eine Scheibe abschneiden."

Die Sportler: Nein, keine Bange. Es geht nicht um Fußball und gefühlt ewige Feindschaften. Im Handball des Landes steckt ein ganzes Stück Oranje. 102 Kilogramm, verteilt auf 1,94 Meter im Fall von Fabian van Olphen, immerhin Mannschaftskapitän beim erfolgreichsten Handballteam des Landes, dem SC Magdeburg. In Magdeburg fühle er sich mit seiner Familie pudelwohl, sagte der Mann mit dem Spitznamen "Tulpe" einmal. Im Moment kann der Publikumsliebling allerdings nicht aufs Feld: Ein Kreuzbandriss beendete schon im Dezember die Saison des Torjägers. Für den leicht holländischen Touch in Magdeburger Trikots ist dennoch gesorgt: Im Tor steht mit Gerrit Eijlers ein gebürtiger Amsterdamer.

Der Star-Dirigent: Für ihn keine Frage: "Das Dessauer Theater ist holländisch", lacht Antony Hermus. Seit 2009 ist er Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Anhaltischen Philharmonie in Dessau - und längst nicht der einzige Holländer. Sängerin Angelina Ruzzafante, Sänger Wiard Widholt und Flötistin Aline Vannuys nennt er etwa. Und in Wagners "Götterdämmerung", die am 12. Mai am Anhaltischen Theater Premiere hat, sind die Hauptrollen des Alberichs und des Siegfrieds mit wem besetzt? Zwei Holländern: Nico Wouterse und Arnold Bezuyen. Dass Holländer den Takt angeben, gehört mittlerweile in Dessau zum guten Ton. Nicht selten bringen hier auch Reisebusse mit gelbem Nummernschild Besucher.

"Wir sind ein spezielles Völkchen", sagt der Generalmusikdirektor über seine Landsleute und sich. Die Deutschen könnten von ihnen Lockerheit lernen, "die Sachen sollte man zwar ernst, aber sich nicht selbst so ernst nehmen". Und mag an den Deutschen wiederum deren Gründlichkeit. Gründlich ist der Besuch von Königin Beatrix in Oranienbaum vorbereitet. "Wir hätten gerne Musik für sie gemacht. Vom Protokoll her ist das leider nicht möglich."

Der Ackerbauer: Der zweite landwirtschaftliche Betrieb, dessen Aktien an der Frankfurter Börse gehandelt werden, stammt aus Sachsen-Anhalt - seine Wurzeln freilich liegen in den Niederlanden: die Tonkens Agrar AG. Gerrit Tonkens, Arbeitgeber für 110 Beschäftigte, rodet in der Magdeburger Börde jährlich 25 000 Tonnen Kartoffeln. Das Unternehmen betreibt eine eigene Kartoffelschälerei. Die Ware liefert es unter anderem an Krankenhäuser, Gefängnisse und Betriebsküchen. Tonkens vier Kinder sind in Sachsen-Anhalt zur Schule gegangen. Der 50-Jährige, der seit 1998 in Sachsen-Anhalt lebt und arbeitet, meint: "Das hat sogar auf ihre Mundart abgefärbt."

Die Mühlenbauer: Ihre deutsche Bezeichnung verdanken sie holländischen Mühlenbauern. Einst verdrängten die Holländermühlen vor allem in den Niederlanden und Norddeutschland Europas älteste Windmühlenbauart: die Bockwindmühle. Letztere überwiegt bis heute in Sachsen-Anhalt, aber auch der Holländer ist erhalten. Sechs Stück sind beim Verein Arbeitskreis Mühlen Sachsen-Anhalt organisiert - zum Beispiel die Holländer-Turmwindmühle in Endorf (Harz). Bis 1972 drehten sich ihre Flügel noch. 1991 übernahm der Förderkreis Konradsburg die desolate Mühle und richtete sie wieder so her, dass sie heute voll funktionstüchtig ist: mit einer elf Tonnen schweren Haube, neuen Flügeln, Holzschindeln auf dem Dach und einem annähernd originalen Innenleben. Rund 5 000 Besucher zählt sie heute jährlich.