Köthen: Massagen für verletztes Reh

03.05.2012 20:11 Uhr | Aktualisiert 03.05.2012 20:19 Uhr
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Tina Pforte massiert das Reh

Tierphysiotherapeutin Tina Pforte massiert das Reh. (FOTO: REBSCH)

Von Matthias Bartl
Physiotherapie bringt in Köthen die verunglückte Jette wieder auf die Beine. Jette ist ein Reh. Übungen sollen Jette, die sich schwer verletzt hatte, wieder ins richtige Reh-Leben zurückholen.
köthen/MZ. 

Jette liegt auf dem Rasen und wirft dem Eindringling misstrauische Blicke zu. Das verwundert nicht: Jette ist ein Reh, der Eindringling kommt auf zwei Beinen daher - und mit Menschen hat Jette in letzter Zeit einige ungewöhnliche Dinge erlebt. Zum Beispiel hat man sie in eine Art großes Aquarium gesetzt und dort mit ihr trainiert. Laufen musste Jette, den Körper bis zum Hals unter Wasser, und zwei Frauen - nämlich Tierarzthelferin Tina Pforte und Tierpflegerin Gabi Berger - halfen ihr dabei, die Beine zu beugen und zu strecken. Eine anstrengende Übung für das Reh wie für die beiden Frauen. Aber sie hat ihren Grund: Sie soll Jette, die sich schwer verletzt hatte, wieder ins richtige Reh-Leben zurückholen.

Rückblende: Vor nicht ganz einem Jahr fand ein Jäger aus Hoyersdorf in der Heide ein mutterloses Kitz. Das er mit nach Hause nahm und ihm so gemeinsam mit seiner Frau das Leben rettete. Flaschenkind Jette war bald zu groß, um bei der Familie Hellwig in Hoyersdorf bleiben zu können. Der Tierpark in Köthen bot das richtige Domizil für Jette, zumal der Köthener Rehbock "Böckchen" sich über eine Partnerin freute.

Alles lief bestens, bis zum 21. März dieses Jahres, als Jette plötzlich bei einer wilden Jagd mit Karacho in den Zaun ihres Geheges geriet. Und sich einen Rückenwirbel brach. "Nachdem wir sie aus dem Zaun herausgezogen haben, ist sie noch eine ganze Weile völlig normal herumgelaufen", erinnert sich Gabi Berger, "aber plötzlich ging nichts mehr." Jette wurde zu Angelika Todte gebracht. Die promovierte Tierärztin hat Jette geröntgt, stellte die Fraktur fest und rief daraufhin Andreas Pfeil in Jena an, einen Chirurgen. Der Doktor operierte die Reh-Dame und stellte die Funktionstüchtigkeit der Wirbel wieder her. Allerdings: Nun musste Jette erst wieder laufen lernen.

Und da kommen Gabi Berger und Tina Pforte ins Spiel, die bei der Tierärztin Todte angestellt ist. Tina Pforte hat sich zwei Jahre lang in Bad Wildungen zur Tier-Physiotherapeutin ausbilden lassen, Angelika Todte hat ihre Praxis um dieses Angebot erweitert - und steht damit in Sachsen-Anhalt ziemlich einzigartig da.

Immerhin gab es dadurch die Möglichkeit, Jette wieder für das Leben im Tierpark fit zu machen. "Und weil Jette eine Handaufzucht ist", sagt Angelika Todte. "Ein Reh, das in der Natur aufgewachsen ist, hätte man nie so behandeln können." So aber stecken Gabi Berger und Tina Pforte mit vereinte Kräften die immerhin zwölf Kilo schwere Jette regelmäßig in das Becken mit dem Untererwasser-Laufband, wo das Reh Übungen zur Kräftigung der Muskulatur machen muss. Anschließend gibt es unter Rotlicht eine Massage der Muskeln vor allem in den Hinterläufen. Die waren durch die Quetschung des Rückenmarks faktisch gelähmt, sind durch die Operation wieder funktionsfähig geworden und müssen nun Schritt für Schritt wieder aufgebaut werden. Die Krankengymnastik schlägt gut an, auch die Nervenreflexe funktionieren schon wieder. In absehbarer Zeit kann Jette wohl wieder in ihr Gehege zurück. "Böckchen" wartet schon.