Kriminalität: Der schlimmste Tag im Leben

07.06.2012 20:01 Uhr | Aktualisiert 07.06.2012 21:53 Uhr
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Gertrud Schulz

In einer Kurzzeitpflegestation wird die schwer verletzte Gertrud Schulz im Moment betreut. (FOTO: THOMAS MEINICKE)

Von SILVIA ZÖLLER
Es waren nur wenige Sekunden. Doch was die 76-jährige Gertrud Schulz am 10. Mai erlebte, das wird sie nie wieder vergessen: Die 76-jährige wurde bei einem Raub schwer verletzt. Ihr mussten eine künstliche Schulter und ein Herzschrittmacher eingesetzt werden.
Halle (Saale)/MZ. 

Es waren nur wenige Sekunden. Doch was die 76-jährige Gertrud Schulz am 10. Mai erlebte, das wird sie nie wieder vergessen: Die Seniorin war in der Mittagszeit gerade zu einem Friseurbesuch im Neustadt-Center gewesen und wollte die Toilette aufsuchen. Etliche andere Center-Besucher waren auch in dem Gang unterwegs. Plötzlich wurde sie von hinten angefasst, ein Räuber zerrte an ihrem Rollator, in dem ihre Handtasche lag. Gertrud Schulz fiel in dem Gerangel so unglücklich auf die rechte Schulter, dass diese vollkommen zertrümmert wurde. Mitsamt dem Rollator flüchtete der Täter, denn die pfiffige Frau hatte die Handtasche mit einem Karabiner an der Gehhilfe gesichert. "Ich habe sofort laut um Hilfe gerufen", erinnert sich Gertrud Schulz an die schlimmsten Momente ihres Lebens.

Im Uniklinikum Kröllwitz musste ihr einen Tag später eine künstliche Schulter eingesetzt werden. "Und am nächsten Tag auch ein Herzschrittmacher, weil mein Puls so runtergegangen war", berichtet die Seniorin.

Nach wie vor hat die alte Dame mit den Folgen des Überfalls zu tun. Nach zehn Tagen Krankenhaus wird sie derzeit in einer Kurzzeit-Pflegestation der Volkssolidarität in Trotha betreut - alleine käme die 76-Jährige, die ihren rechten Arm nach der Operation nicht einsetzen kann, überhaupt nicht klar. Dass ihr die Verletzung nach wie vor starke Schmerzen bereitet, versteht sich fast von selbst. "Dreimal täglich nehme ich Schmerzmittel", sagt sie.

Und sie wartet auf einen Termin für eine Reha, damit sie in absehbarer Zeit wieder so beweglich ist und selbstständig leben kann, wie sie es vor dem Überfall konnte. "Versuchen Sie mal, sich mit links die Zähne zu putzen", gibt die Rechtshänderin einen kleinen leicht nachvollziehbaren Einblick in ihre derzeitigen Schwierigkeiten.

Vorerst wird sie den Arm jedoch noch sechs Wochen ruhig halten müssen. "Im Moment traue ich mich nicht mehr vor die Tür", sagt sie - der Schock nach dem Überfall sitzt noch tief. Und vor allem will Sie nie wieder mit sämtlichen Papieren und ihrer ec-Karte außer Haus gehen. Aber die Seniorin sagt von sich selbst : "Ich bin ein Stehauf-Männchen, ich will mich wieder hochrappeln."

Ein wenig geholfen hat ihr vor allem, dass sie nach dem Überfall nicht allein gelassen wurde. Zahlreiche Menschen kamen, alarmierten die Polizei und den Notarzt und verfolgten sogar den Täter, der später von der Polizei gestellt wurde. Und auch die Handtasche mit sämtlichen Papieren wurde von einem Spürhund der Polizei wiedergefunden. So blieb ihr zumindest die zweitraubende Beschaffung von wichtigen Ausweisen erspart.

"Ich möchte mich bei den Menschen bedanken, die mir nach dem Überfall zur Seite gestanden haben. So eine große Hilfsbereitschaft habe ich noch nie erlebt", sagt Gertrud Schulz.

Besonders einem jungen Mann hat die Seniorin dabei im Blick: Er hatte ihr den Namen Maik Pauly genannt und die schmerzende Schulter auf seine Arme gebettet, so dass das Opfer nicht auf dem kalten Boden liegen musste. "Man denkt oft, dass die Leute bei so einem Vorfall weiter gehen, aber hier haben so viele geholfen - vor allem dieser junge Mann", ist die Seniorin froh.

Die andere Seite der Medaille ist für sie aber, dass sie nun für ihre Genesung in die eigene Tasche greifen muss: Allein 600 Euro muss sie für die Kosten der Kurzzeitpflege hinzuzahlen. Fraglich bleibt, ob sie dieses Geld jemals vom Täter erstattet bekommt. Strafanzeige gegen den Täter, der nach ihren Informationen 1,25 Promille gehabt haben soll, hat sie jedenfalls gestellt.