Der Gastwirt Jörg Bauer ist besorgt, dass sich im Bodetal noch weitere große Steine aus der Felswand lösen. (FOTO: ANDREAS STEDTLER)
Jörg Bauer sieht sein Idyll bedroht. Seit Donnerstag weiß er, dass sich jederzeit Steine aus dem Fels lösen können. Der Wirt der Ausflugsgaststätte "Zur Königsruhe", die sich im wildromantischen Bodetal direkt über dem Fluss erhebt, hat im Moment nicht viel zu tun. Die Gäste bleiben aus, seit am vergangenen Mittwoch der Wanderweg zwischen Thale und Treseburg gesperrt werden musste. Gewaltige Felsbrocken waren einige Meter entfernt ausgerechnet auf den Pfad gestürzt, an dem Jörg Bauer seine Wander-Oase geschaffen hat. Die Gefahr für sein Lokal ist zumindest beim Landesforstbetrieb schon länger bekannt. Ihm, der nicht nur seine Gaststätte mit Pension, sondern auch seine Wohnung am Felsen hat, ist dieses Ausmaß neu. Nur zufällig habe er von der aktuellen Situation erfahren.
Dass die Gefahr real ist, hat er nun auch schwarz auf weiß. In einem Schreiben der Bergsicherung Ilfeld an den Landesforstbetrieb vom Oktober vergangenen Jahres wird darauf hingewiesen, dass "kurz- und mittelfristig Steinschlagereignisse absehbar sind". Empfohlen wurde als Erstsicherung ein Steinschlagschutz. Dies ersetze aber nicht weitergehende aktive Maßnahmen wie Verankerungen im Fels, heißt es in dem Schreiben, das die Stadt Thale nach Angaben von Bürgermeister Thomas Balcerowski (CDU) erst im März und erst auf Anforderung hin erhalten hat.
Dass er als Betroffener so lange nichts davon erfuhr, macht Jörg Bauer wütend. Für den Wirt kommt schon die Sperrung des Wanderweges, der als Teil des Hexenstieges zu den anerkannt schönsten in Deutschland gehört, einer Katastrophe gleich.
Am Montag haben in Sachsen-Anhalt die Ferien begonnen, bei schönem Wetter herrscht sonst an solchen Tagen reger Betrieb im Biergarten. Doch Tische und Stühle unter der Linde und unter den knorrigen Kastanien sind verwaist. Der hausgebackene Kuchen, der Wildbraten und das geräucherte Forellenfilet bleiben liegen. "Uns fehlen vor allem die Leute, die sich von Treseburg aus auf den Weg machen. Wenn die acht Kilometer gelaufen sind, haben die Hunger und auch Durst", sagt Mitarbeiter Uwe Siebert, der das Werden der Ausflugsgaststätte von Anfang an miterlebte.
Sein Chef, der 53-jährige Bauer, hat das vormals heruntergekommene Anwesen vor 16 Jahren gekauft. "In den ersten Jahren haben wir mehr geweint als gelacht", erzählt Uwe Siebert. Und der Wirt erinnert sich noch ganz genau, wie ihn damals manche für verrückt erklärten. Doch dann hat die ganze Familie mit angepackt. "Ich hatte jeden Ziegel und jeden Stein selbst in der Hand", berichtet Bauer, der sieben Angestellte hat.
Er ist verärgert darüber, dass der Streit um die Zuständigkeiten "auf meinem Rücken ausgetragen wird". Inzwischen habe er Fachanwälte eingeschaltet. Natürlich weiß der Gastwirt, dass er mit der Gefahr von Steinschlägen immer leben muss. Aber wenn Leib und Leben in Gefahr sind, dann müsse der Eigentümer, in diesem Falle das Land, handeln.
In dieser Frage sieht Bauer sich auf der Seite der Stadtverwaltung. Für Bürgermeister Balcerowski ist es nicht damit getan, den Wanderweg zu sperren. Und das Argument des Ministeriums, dass für die Hangsanierung das notwendige Geld fehlen würde, lässt der Verwaltungschef nicht gelten. "Hier spart das Land an Dingen, von denen es lebt", sagt er mit Blick auf den boomenden Tourismus im Bodetal. "Eine dauerhafte Sperrung des Weges würde alle Bemühungen der vergangenen Jahre zunichte machen." Eigentum verpflichte nun einmal, und der Eigentümer sei für die Gefahrenbeseitigung zuständig. "Wir als Stadt können keine Hangsicherung vornehmen", betont Balcerowski. Die Stadt als Ordnungsbehörde wolle nun den Landesbetrieb zwingen, das Felsmassiv zu sichern und anschließend vierteljährlich auf loses Gestein zu überprüfen. Die Stadt werde dem Betrieb eine entsprechende Verfügung zustellen, hieß es am Montag. Zudem steht am Donnerstag ein Gespräch mit Agrarminister Hermann Onko Aeikens (CDU) an.
Jörg Bauer ist es egal, wie sich die Parteien einigen. Er will und braucht eine Entscheidung. "Mit 53 fängt man nicht nochmal irgendwo neu an. Und solch eine Idylle gibt es sowieso nicht nochmal."