Lebensmut weggespült
So wie Dietrich Waas, damals ein 60-jähriger schwerkranker Frührentner, dem die Flut den Lebensmut weggespült hatte. Anders seine Frau, die in ihrer Ruine die Besucher bewirtete. Auf ausgehängten Türen, die nachts als Bett dienten und am Tag als Tisch. Im Frühjahr, wenn sie Geburtstag habe, sagte sie im Spätsommer 2002, wolle sie für ihre Gäste in ihrer eigenen Küche kochen und backen. Diese Vision gab der Frau die Kraft, wieder ganz von vorn anzufangen. "Mein Absturz kam Weihnachten", erinnert sie sich. Da brach es aus ihr heraus. "Ich habe den ganzen Tag geheult." Und was war mit dem Geburtstag im Frühjahr? "Ich habe in meiner neuen Küche gekocht. Natürlich", erzählt die resolute Frau.
Inzwischen ist so ziemlich alles neu, im Haus und auch darum. Und auch Dietrich Waas ist wie ausgewechselt: braun gebrannt, agil, um keine Antwort verlegen. "So ist er mir lieber", sagt Ingrid Waas und legt die Hand auf den Arm ihres Mannes. Und dann erzählen sie von ihrer Arche. "Weiß du noch..." Sie wissen beide noch: Die Frau am Steuer, der Mann auf dem Beifahrersitz, der Hund zwischen seinen Beinen und hinten im Auto die Enten und Hühner - so sah die Flucht vor dem Hochwasser aus. Die Arche Waas landetet bei Mario Schlüter, einem Bekannten ein paar Orte weiter. "Ihr könnt jederzeit kommen", hatte er gesagt. "Wir hatten ein ganzes Haus für uns und unsere Tiere", erinnert sich Ingrid Waas. Das Ende des Hochwassers war zugleich der Anfang einer beispiellosen Welle der Hilfsbereitschaft. "Wir haben uns über kleine Dinge gefreut", sagt Ingrid Waas, "zum Beispiel einen Kocher." Endlich wieder warmes Essen. "Wildfremde Menschen kamen ins Dorf und haben uns Dinge gebracht, die wir erst mal ins leere Haus stellen konnten", sagt Dietrich Waas. An einen Mann aus Norddeutschland kann er sich erinnern, der mit Sachspenden vor der Tür stand.
Jede erdenkliche Unterstützung
Andere Helfer sind in der Region mit Namen bekannt. So die Firma Tiefkühlkost Friedrichs aus Gelsenkirchen, sie verteilte kostenlos fertige Gerichte. Oder der DRK-Kreisverband Heinsberg bei Düsseldorf, über dienstliche Kanäle existierten Verbindungen zum Wittenberger Verband. Nach dem Hochwasser setzten die Heinsberger Himmel und Hölle in Bewegung, um im Osten zu helfen. Sie sammelten Geld und organisierten psychologische Hilfe für Flutopfer.
Auch Geld kam ins Krisengebiet und somit zu Familie Waas, unter anderem von Lesern der Mitteldeutschen Zeitung. Damit wurden zum Beispiel Gutachter bezahlt. Gutachten waren Voraussetzung, um Geld von Versicherungen oder Spendenkonten zu erhalten. Wer Geld von dort bekam, konnte Handwerker bezahlen. Ja, sagt das Ehepaar, die Hilfsbereitschaft sei enorm gewesen. Sogar der ehemalige Betrieb des Mannes, Meliorationsbau in Herzberg, habe geholfen. "Obwohl ich da schon seit Jahren nicht mehr gearbeitet hatte", sagt Dietrich Waas. Aber die Bürokratie, das muss seine Frau dann doch los werden, sei mitunter haarsträubend gewesen. Die Gardinen habe sie nicht ersetzt bekommen. Im Fluthilfestab habe es geheißen, sie hätte sie ja rechtzeitig abnehmen können. "Wem das Wasser 1,20 Meter im Wohnzimmer steht, der hat weiß Gott andere Sorgen", ereifert sich Ingrid Waas noch heute.