Mein Halle: «Die Hallenser sind eben anspruchsvoller»

05.07.2012 20:51 Uhr | Aktualisiert 05.07.2012 22:13 Uhr
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Schon als Schüler war er oft im Amtsgarten:...

Schon als Schüler war er oft im Amtsgarten: Bernhard Bönisch (links) im Gespräch mit Peter Godazgar. (FOTO: GÜNTER BAUER)

Vor der Stichwahl: Wie sehen sich der Kandidat Bernhard Bönisch für das OB-Amt die Saalestadt? Ein Gespräch mit ihm im Amtsgarten.
Halle (Saale)/MZ. 

Der Amtsgarten zur Mittagszeit. Ein Vater schiebt einen Kinderwagen, zwei Frauen sind im Nordic-Walking-Schritt unterwegs. Ansonsten: Vogelgezwitscher. Ein guter Ort, um Ruhe zu finden, zum Beispiel vor der Entscheidung der Oberbürgermeister-Wahl. Bernhard Bönisch, der CDU-Kandidat, hat den Amtsgarten für das Gespräch mit MZ-Redakteur Peter Godazgar gewählt.

Warum mögen Sie diesen Ort?

Bönisch: Weil's ein schönes Fleckchen von Halle ist. Der Amtsgarten ist aber auch insofern ein Stück Heimat für mich, weil wir als Schüler in Freistunden oft herkamen.

Sie wurden in Halle geboren, sind aber in Landsberg aufgewachsen.

Bönisch: Als ich zwei Jahre war, hat sich mein Vater mit einer Tischlerei in Landsberg selbstständig gemacht. Ich bin aber in Halle zur Schule gegangen. Und 1974, mit 21 Jahren, bin ich wieder hergezogen.

Auf Ihren Wahlplakaten steht: "Ich liebe Halle" - ein großer Satz.

Bönisch: Ich hab eigentlich ein Problem mit viel Pathos. Mein Team wollte aber eine positive Aussage. Und eigentlich kann man es bald gar nicht anders nennen. Was ist denn Liebe? Eine tiefe Vertrautheit, ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Insofern passt es schon.

Was lieben Sie an Halle?

Bönisch: Das, was ich gerade ein bisschen aufgebe: die Anonymität. Einerseits - aber auch, dass man immer wieder jemanden trifft, diese manchmal fast dörfliche Gemeinschaft. Halle ist klein genug und groß genug. Meine politische Arbeit hat mich in sämtliche halleschen Winkel geführt. Es gibt, glaube ich, nicht viele Leute, die Halle so gut kennen.

Sie haben auch Halles Entwicklung erlebt. Müsste man die Hallenser zwingen, einmal pro Monat Fotos aus dem Jahr 1988 anzuschauen?

Bönisch: Es stimmt schon, viele vergessen, wie schlimm es war. Ich erinnere mich noch an Weihnachten '89, wir wohnten damals in der Mittelstraße und das Viertel um die Barfüßerstraße war praktisch leergezogen, um abgerissen zu werden. Da kam die Wende gerade noch rechtzeitig.

Ist die Unzufriedenheit eine spezielle hallesche Eigenheit?

Bönisch: Allzu viel Zufriedenheit ist ja auch nicht gut, weil sie zu Stillstand führt. Halle ist auf einem guten Weg. Mehr nicht. Andererseits wird so eine Stadt ja nie wirklich fertig. Die ist lebendig, die entwickelt sich immer weiter. Eines lernt man in der Politik allerdings ganz schnell: Die Leute interessieren sich vor allem für ihr persönliches Umfeld. Gerade jetzt bekomme ich wieder besonders viele Zuschriften. Da geht es nicht um globale Fragen, sondern um den fehlenden Parkplatz oder um einen kaputten Gehweg. Das ist auch in Ordnung, die Leute sollen sich ja wohlfühlen. Darum geht es doch in der Politik: Wir müssen nicht nur die großen Weichen stellen - auch die Kleinigkeiten müssen stimmen. Dafür macht man eigentlich Politik: Damit es den Leuten gut geht.

Wann nervt Sie die Stadt?

Bönisch: Ach, ich ärgere mich zum Beispiel, wenn unkoordiniert Baustellen aufgemacht werden. Und ich bin genervt, wenn andere unqualifiziert meckern, wenn sie Positives ignorieren. Aber damit kann ich umgehen. Ich wende es immer ins Positive und sage: Hallenser sind eben anspruchsvoller.

Warum wollen Sie noch mal OB werden?

Bönisch: Weil ich angesichts meiner Mitbewerber einfach überzeugt bin, dass ich es am besten kann. Ich kenne Halle, und ich kann integrierend wirken; zu polarisieren ist nicht immer hilfreich.

Aber Sie wissen: Pläne und Ideen sind das eine, die Umsetzung ist das andere. Ihr Spielraum ist sehr eng. Und Halles Stadtrat stimmt bekanntlich selten einstimmig ab.

Bönisch: Aber auch einen engen Spielraum muss ich doch gestalten. Und den Stadtrat habe ich immer als gutes Korrektiv empfunden für das, was in den Verwaltungsköpfen ausgebrütet wird. Klar werde ich als OB nicht alles durchsetzen. Aber eine blutige Nase hole ich mir doch heute viel öfter.

Wo sehen Sie denn Gestaltungsmöglichkeiten? Es wird doch immer nur vom Sparen geredet.

Bönisch: Letztlich ist die Frage beim Sparen doch nicht das Ob, sondern das Wie. Jeder künftige Oberbürgermeister wird hier Anstrengungen unternehmen müssen, wenn Halle nicht unter Zwangsverwaltung gestellt werden soll. Das Sparen muss vernünftig und zukunftsorientiert gestaltet werden. Insofern ist die Frage nur, ob die Stadt selbst ihre Entwicklung gestaltet oder ob sie von externen Verwaltern gestaltet wird, wenn Sie so wollen.

Wie soll denn das funktionieren?

Bönisch: Wir müssen uns doch nur mal mit anderen Städten vergleichen. Unsere Personalausgaben pro Kopf sind deutlich höher. Funktionieren die andere Städte etwa nicht? Ich kann und will niemanden entlassen, aber ich will einen sozialverträglichen Abbau. Klar ist aber auch: Das ist nichts, was man in einem Jahr schafft.

Also im Umkehrschluss: Keine Streichung bei der Vereinsförderung?

Bönisch: Das geht nicht. Wir können da nicht nachlassen. Es geht darum, dass sich die Leute wohlfühlen. Nicht die Verwaltungsmitarbeiter müssen sich wohlfühlen, sondern die Hallenser. Da können wir das, was zum Wohlfühlen so wichtig ist, nicht wegnehmen. Gleichzeitig müssen wir die Einnahmesituation verbessern: Wir brauchen eine effektivere Akquise von Unternehmen. Das läuft derzeit auf Sparflamme.

Waren Sie eigentlich immer schon so ruhig, entspannt und ausgeglichen?

Bönisch: Ich bin schon ein emotionaler Mensch, aber Wut verraucht bei mir schnell. Als ich noch ein junger Mann war, habe ich mal autogenes Training gemacht. Das hat mir sehr gut getan.

Machen Sie heute noch Übungen?

Bönisch: Brauche ich nicht mehr. Das ist einfach drin in mir. Ich weiß auch nicht, wie ich das mache, aber wenn ich mich über alles ärgern würde, was in der Politik passiert, wäre ich längst krank geworden.

2005 mussten Sie und Ihre Frau den schwersten Schicksalsschlag verkraften, ihr jüngster Sohn starb durch plötzlichen Herztod.

Bönisch: (schweigt) Dieser Tod sitzt ganz tief. Es gab danach einige unbedachte Äußerungen. Das kann einen sehr verletzen. Man muss sich bewusst machen, was man durch oberflächlichen, gedankenlosen Umgang bei anderen zerstören kann.

Hatten Sie Kontakt zu Eltern, denen Ähnliches widerfahren war?

Bönisch: Ach, das ist ja das Brutale: Im engen Freundeskreis war zwei Jahre vorher auch ein Sohn gestorben. Seitdem stellen wir fest, wie viele man kennt, denen ähnliches widererfahren ist. Es gibt so viel Elend.

So ein Ereignis relativiert alles.

Bönisch: Es zeigt, wie kurzlebig alles sein kann. Immer erst, wenn man etwas verloren hat, wird einem richtig klar, was man daran hatte. Ich war zum Beispiel nicht zur Abitur-Ausgabe meines jüngsten Sohns, weil ich irgendeine Verpflichtung hatte, die mir wichtig erschien. Er war so stolz, weil er so ein tolles Abi gemacht hatte. (schweigt) Das passiert mir nicht noch mal. Gerade jetzt, mitten im Wahlkampf, hatte unser Ältester seine Doktorarbeit verteidigt. Da hab ich Wahlkampf Wahlkampf sein lassen und mit ihm gefeiert.