Mein Halle: «Hier gibt es ganz viele, die etwas erreichen wollen»

06.07.2012 20:25 Uhr | Aktualisiert 06.07.2012 21:49 Uhr
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OB-Kandidat Bernd Wiegand mit Peter Godazgar

An der Saale hellem Strande: OB-Kandidat Bernd Wiegand mit Peter Godazgar am Bootshaus 5. (FOTO: THOMAS MEINICKE)

Vor der Stichwahl: Wie sieht sich der Kandidat Bernd Wiegand für das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Halle? Ein persönliches Gespräch mit ihm am Riveufer.
Halle (Saale)/MZ. 

Später Nachmittag am Riveufer, Bootshaus Nummer 5. Gegenüber, am neu angelegten "Ziegelwiesen-Strand", werfen sich Mutige in die Saale. Radler, Spaziergänger, Jogger sind unterwegs. Hier zeigt sich die Stadt von ihrer entspannten Seite. Der parteilose OB-Kandidat Bernd Wiegand hat diesen Platz für ein Gespräch mit MZ-Redakteur Peter Godazgar gewählt.

Was gefällt Ihnen an diesem Ort?

Wiegand: Das Bootshaus 5 ist ein Ort, an dem mein Team oft zusammenkommt. Für mich ist es ein Ort der Entspannung, seit ich vor viereinhalb Jahren nach Halle gekommen bin. Man hat einen schönen Blick, viele Leute kommen vorbei, man kann eine Bratwurst essen. Gerade sonntagabends herrscht hier eine entspannte Atmosphäre, man trifft sich …

… zur Spontanparty …

Wiegand: … ja, man trinkt noch ein Bier. Auch nach einer schönen Laufrunde relaxe ich gerne hier - ganz spontan.

Sie sind seit viereinhalb Jahren in Halle. Was wussten Sie von der Stadt, bevor Sie herkamen?

Wiegand: Ich hatte nur gehört von einer Stadt, die sehr schwer regierbar sei. Das war dann auch die Herausforderung, die ich gesucht habe. Als die Dezernenten-Ausschreibung kam, dachte ich: Das wäre noch mal eine neue Aufgabe. Halle kann und hat mehr als es bisweilen nach außen darstellt, auch im Vergleich zu Magdeburg.

Immerhin: Das Image lautet "unregierbar" und nicht mehr "Diva in Grau".

Wiegand: Dieses Bild hat Halle nun wirklich nicht mehr. Diese historische Seite habe ich erst mit dem Film "Hall-Rolle" kennengelernt. Kein Vergleich zur heutigen Stadt.

Wie wirkte die Stadt, wie wirkten die Hallenser auf Sie, als Sie herkamen?

Wiegand: Ich habe sehr viele Menschen kennengelernt, die Ideen haben, die etwas bewegen wollen. Ich weiß, dass es da unheimlich viele gibt, in der Verwaltung, aber auch Künstler und Unternehmer. Sie brechen ihre Initiative aber oft ab, weil sie ihre Ideen nicht umsetzen können. Da müssen wir ansetzen. Das ist mein Blick auf die Stadt.

Sie erleben also kein mangelndes Selbstbewusstsein?

Wiegand: Jedenfalls nicht in dem Maße. Das scheint mir oft eine Schutzbehauptung zu sein. Ich bin sicher, hier gibt es ganz viele, die was erreichen wollen. Man muss sie aber auch machen lassen.

Geben Sie mal ein Beispiel.

Wiegand: Ach, das fängt bei kleinen Dingen an. Da ist ein Unternehmer, der eine Gaststätte eröffnen will. Da muss er mehrere Ämter durchlaufen, quer durch die Dezernate. Das will ich ändern. Das muss einfacher werden. Wir müssen uns da als Stadtverwaltung anders aufstellen.

Sie wurden als krasser Außenseiter ins Dezernenten-Amt gewählt - und spürten dann schnell die Auswirkungen der "Unregierbarkeit"?

Wiegand: Ich habe von Anfang an meine offene Art umgesetzt. Ich bin aufgeschlossen, reagiere schnell, pflege einen anderen Umgang, ein anderes Auftreten. Da kam schnell der Punkt, an dem meine Chefin sagte: Das ist mir zu viel, das geht so nicht. Das waren eigentlich die Auslöser. Es gab viele Punkte, bei denen ich gesagt habe: Das trage ich so nicht mit. Aber ich habe meine Linie beibehalten, habe weiter offen kommuniziert und bei Rechtswidrigkeiten immer wieder auf Fehler hingewiesen.

Es gibt Städte, da werden wir Journalisten, wenn wir Telefonanfragen haben, gleich zu den jeweils Verantwortlichen durchgestellt. Das ist in Halle auf Amtsleiterebene fast undenkbar.

Wiegand: Ja, das ist die Angst, die da ist. Man vertraut sich nicht. Die Oberbürgermeisterin möchte alles selbst entscheiden. Leitende Angestellte sollten der Verantwortung gerecht werden dürfen, für die sie bezahlt werden.

Kurios nur, dass Sie sich selbst seit Jahren in einem Konflikt bewegen.

Wiegand: Das stimmt nicht. Ich habe mich anders verhalten, habe mich immer abgegrenzt.

Sie sind aber doch involviert.

Wiegand: Nein.

Was? Das meinen Sie nicht ernst!

Wiegand: Doch. Ich habe meinen Job immer selbstständig gemacht und das im Rahmen der Vorgaben durch die OB. Doch es gab oft unterschiedliche Sichtweisen. Das hat dazu geführt, dass sie mir mehrere Ämter entzogen hat. So etwa auch das Rechtsamt, weil ich sagte, das Rechtsamt muss neutral arbeiten.

Das Ganze ist also eine völlig einseitige Angelegenheit?

Wiegand: Ja, ich habe das auch immer wieder versucht, deutlich zu machen. Auslöser war die Art und Weise, wie ich mich bewegt habe und wie ich offen mit Problemen umgegangen bin. Ich wollte meinen Namen nicht unter etwas setzen, was ich nicht zu verantworten hatte und auch nicht verantworten konnte.

In Sachen De-eskalation hat Ihnen auch Ihre Mediatoren-Ausbildung nicht geholfen.

Wiegand: Ein Mediator kann nur arbeiten, wenn alle Beteiligten dies zulassen. Ich will offen und bürgernah arbeiten, ansonsten können wir das Image der unregierbaren Stadt nicht ablegen. Ich will Offenheit und Transparenz. Sollte ich OB werden, dann wird es genau diese Arbeitsweise geben. Meine Mitarbeiter werden selbstständig arbeiten.

Dennoch sind Ihnen aufgrund der Finanznot enge Grenzen gesteckt, was die Gestaltungsmöglichkeiten angeht.

Wiegand: Einer meiner Schwerpunkte wird auf der Erhöhung der Einnahmen liegen. Ich habe ein Wirtschaftskonzept, das klar auf Technologien ausgerichtet ist. Ich will Personen und ihre Ideen fördern, und ich bin sicher, das wird sich auszahlen - im wörtlichen Sinn.

Wie sieht es mit der Effizienz in der Verwaltung aus?

Wiegand: Wir haben sehr gute Mitarbeiter, die nur darauf warten, loslegen zu dürfen. Aber man muss ihre Ideen zulassen. Da wird zu viel abgeblockt.

Kann es sein, dass Sie die Menschen polarisieren?

Wiegand: Typen, die in bestimmten Bereichen sehr gut sind, polarisieren immer. Ich bin auf Verwaltung spezialisiert. Und dazu habe ich diese Offenheit, die nicht so verwaltungstypisch ist.

Welche Rolle spielt denn Ihre Referentin für Sie?

Wiegand: Sie hat sich damals unter 70 Bewerbern durchgesetzt. Ich kannte sie vorher nicht. Ich suchte eine Person, die mich spiegelt, die mich auch kritisiert. Sie hat Stärken, die ich nicht habe.