Oberbürgermeister-Interview: Probleme an der Spitze

29.06.2012 21:11 Uhr | Aktualisiert 30.06.2012 00:06 Uhr
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Klaus Rauen

«Die finanzielle Lage ist besorgniserregend.» sagt Klaus Rauen (CDU), OB von 1991 bis 2000. (FOTO: ARCHIV )

Am Sonntag wählt Halle ein neues Stadtoberhaupt. Was die früheren Oberbürgermeister Häußler und Rauen dem neuen OB mit auf den Weg geben?!
Halle (Saale)/MZ. 

Es wird beileibe keine leichte Aufgabe für den neuen Oberbürgermeister von Halle. Die Stadt hat große finanzielle Probleme, im Rathaus herrscht Streit auf der Führungsebene, viele Hallenser sind unzufrieden mit der Entwicklung ihrer Heimatstadt. Die MZ-Redakteure Gert Glowinski und Jan Möbius haben über das, was das neue Stadtoberhaupt erwartet, mit den Alt-Oberbürgermeistern Klaus Rauen (CDU) und Ingrid Häußler (SPD) gesprochen.

Frau Häußler, Sie waren sieben Jahre lang OB von Halle. Wenn Sie könnten, würden Sie wieder kandidieren?

Häußler: Auch wenn die Lage der Stadt schwierig ist, ist es immer noch eine sehr reizvolle Aufgabe.

Die Stadt Halle bekommt die Haushaltsprobleme nicht in den Griff. Was kann der neue OB besser, was muss er anders machen?

Rauen: Da gibt es eigentlich kaum noch Spielraum. Die finanzielle Lage ist besorgniserregend. Für den neuen OB ist es dringend erforderlich, alles noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Er muss schauen, wo noch Spar-Möglichkeiten sind - auch wenn es weh tut. Ich warne aber in diesem Zusammenhang davor, das Thema Kultur zu Tode zu reiten. Das haben andere Kommunen für sich entdeckt und damit ein prägendes Element für ihre Stadt verloren. Die Kultur muss der neue OB als wichtiges Instrument ansehen, um sie in ihrer bisherigen Qualität zu erhalten und zu fördern. Denn sie ist soziales Bindemittel in der Gesellschaft und eine Chance, neue Einwohner in die Stadt zu locken.

Häußler: Der Gestaltungsspielraum für einen OB ist noch vorhanden, aber begrenzt. Er wäre gut beraten, sich mit den kommunalen Unternehmen zusammenzusetzen und eine gemeinsame Linie zu finden. Beispielsweise von den Stadtwerken kann weitere finanzielle Unterstützung kommen.

Die Rathausspitze kommt wegen öffentlich ausgetragener Differenzen immer wieder in die Kritik. Hat der neue OB überhaupt die Chance, Ruhe in die Verwaltung zu bringen?

Rauen: Die Führungsspitze im Rathaus kann man mit einem Fußballteam vergleichen. Sie ist nur dann erfolgreich, wenn sich alle als Mannschaftsspieler verstehen. Momentan herrscht dort aber wenig Harmonie. Das heißt nicht, dass alle für ihre Job ungeeignet sind. Einige aus der Führungsmannschaft lassen sich aber auf das gemeinsame Spiel nicht ein. Rein rechtlich ist zwar ein Personalwechsel nicht möglich. Er wäre aber angebracht. Der neue OB darf diese Probleme in der Führungsetage nicht aus den Augen verlieren.

Häußler: Die derzeitige Situation im Rathaus ist wirklich nicht einfach. Aber natürlich hat ein neuer OB die Chance, Ruhe hineinzubringen. Auch die Dezernenten wollen schließlich wiedergewählt werden. Es geht am Ende darum, als Team zu arbeiten und auch so aufzutreten.

Größere Industrieansiedlungen fehlen in Halle oder kommen nur schwer zustande. Kann der neue OB daran etwas ändern, um neuen Schwung auf den Arbeitsmarkt zu bringen?

Häußler: Der neue Oberbürgermeister muss dafür sorgen, dass Halle sich noch besser vermarktet und zwar unter den Aspekten Wissenschaft und Kultur. Für Investoren sind das wichtige Punkte. Hinzu kommt, dass Halle noch Fachkräfte anbieten kann und natürlich eine gute Infrastruktur vorhanden ist. Aber diese Dinge müssen viel stärker nach außen getragen werden.

Rauen: Halle wird nie wieder zu einer solchen Industriestadt werden, wie sie es einst war. Es hat keinen Zweck, diesen Zeiten hinterherzulaufen. Wir haben bereits früh die Weichen für Alternativen gestellt. Etwa 1991 mit der Gründung des ersten TGZ am Weinbergweg. Dass diese Entscheidung richtig war, zeigt der Erfolg. Namhafte Institute haben heute in Halle einen Sitz. Darauf muss der neue OB aufbauen und diesen Weg weitergehen. Eine wirtschaftliche Entwicklung ist in Halle aus meiner Sicht nur im Bereich des Mittelstandes und im universitätsnahen Bereich möglich.

Herr Rauen, für Sie spielt also die Wissenschaft für Halles Zukunft die entscheidende Rolle?

Rauen: Die Universität ist ein wichtiger Faktor für die Stadt. Man muss der Hochschule so viel Spielraum geben, wie es nur geht.

Was geben Sie dem neuen Oberbürgermeister noch mit auf den Weg?

Rauen: Gerade mit Blick auf die Kommunalfinanzen wird es ein sehr mühsamer Weg. Der neue Oberbürgermeister muss deshalb die Probleme auf Landes- und auf Bundesebene auf den Tisch packen. Darüber hinaus ist die Anwerbung von Fachkräften für die Verwaltung unverzichtbar. In diesem Bereich gibt es im halleschen Rathaus noch Nachholbedarf. Denn: Der beste Häuptling taugt nichts ohne gute Indianer.

Häußler: Ein gutes Standing bei der Landesregierung in Magdeburg hilft sicher dabei, einige Probleme der Stadt in den Griff zu bekommen. Auch da muss sich die Stadt gut verkaufen.