Raguhn: Rückkehr der Retter

08.08.2012 20:19 Uhr | Aktualisiert 08.08.2012 21:40 Uhr
Wilfried Nitsche steht an der neuen Brücke nahe des Feuerwehr-Gerätehauses, das damals selbst überschwemmt war. (FOTO: ANDREAS STEDTLER) 
Von Katrin Löwe
Zehn Jahre nach der Flut wird an der Mulde auch mit Feuerwehrleuten aus Bayern gefeiert. Die erste Begegnung hat Wilfried Nitsche (50) noch vor Augen. Horst Breunig kam ihm damals kurz vor der Brücke über einen Seitenarm der Mulde in Raguhn entgegen, suchte die technische Einsatzleitung.
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Raguhn/MZ. 

Die erste Begegnung hat Wilfried Nitsche (50) noch vor Augen. Horst Breunig kam ihm damals kurz vor der Brücke über einen Seitenarm der Mulde in Raguhn entgegen, suchte die technische Einsatzleitung. Und staunte nicht schlecht, als Nitsche sagte: "Steht vor Ihnen." Er staunte noch mehr, dass Nitsche die Einsatzstellen im Kopf statt auf Papier hatte.

Es war Tag drei nach der Überschwemmung der Raguhner Altstadt, an Schlaf war seitdem kaum zu denken gewesen. Tagsüber räumte Nitsche mit seiner Familie das eigene Haus aus, in dem das Wasser 1,20 Meter hoch stand. Nachts schob er Schichten für die Feuerwehr. Wenn man Horst Breunig heute nach seiner Ankunft in der Muldestadt fragt, erinnert er sich vor allem an eins: "Was da an Feuerwehrleuten noch auf den Füßen stand, war sowas von ausgepumpt, das war schlimm."

Drei Tage zu Gast

Am 17. August werden sie sich wiedersehen, der heutige Chef der Raguhner Feuerwehr und Breunig, der Mann aus dem Kreis Aschaffenburg, der mit seinen Leuten damals die Einsatzleitung übernahm. Drei Tage lang werden Feuerwehrleute aus dem nordwestlichen Zipfel Bayerns dann in der Muldestadt sein - nicht zum ersten Mal seit jenen unvergesslichen Tagen im August 2002. Der Kontakt ist nie abgerissen. Weil in Raguhn Dankbarkeit herrschte. Aber vor allem, weil aus der Not Freundschaft entstand.

Tausende waren an Elbe und Mulde im Einsatz. Der damalige Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) listete Ende August erste Zahlen auf: 13 500 aus ganz Deutschland unterstützten 9 000 Helfer von sachsen-anhaltischen Organisationen. Darunter waren 7 050 Bundeswehrsoldaten, 1 500 Mitglieder des Technischen Hilfswerks, 3 100 Feuerwehrleute, elf Hundertschaften der Polizei. Zudem zigtausend Zivilisten. Mit ihrer Hilfe wurden zwölf Millionen Sandsäcke verbaut.

Dass die Helfer aus Stadt und Kreis Aschaffenburg in Raguhn landeten, war Zufall. Sie hatten sich in Dessau melden sollen, erinnert sich Breunig. Der Koordinator des bayrischen Innenministeriums war selbst gerade eingetroffen - es hieß warten. Zum Warten, so Breunig, war er nicht gekommen. "Ich habe ihm gesagt, dass er sich einen Schreibtisch sucht und ich mir eine Einsatzstelle." Es wurde Raguhn, Nitsche bezeichnet das heute als "ein Geschenk des Himmels".

Es gab keine Befindlichkeiten, weil da plötzlich jemand aus Bayern kam und das Sagen hatte. Die Aschaffenburger, erfahren in Großeinsätzen vom Main, hätten erst einmal eine richtige Einsatzleitung aufgebaut, sagt Nitsche. "Und wir haben mitgekriegt, wie hilflos wir eigentlich waren mit den Mitteln, die wir hatten." Ohne die Technik zur Trennung von Wasser und ausgelaufenem Heizöl etwa - rund 200 000 Liter Öl haben die Bayern in überschwemmten Kellern in und um Raguhn aufgefangen.

Die Rebellen vom Main

An einem Samstag drohte damals ein weiterer Deich zu brechen, 2 500 Helfer, 70 Lkw mit je 35 Tonnen Sand waren zu koordinieren. "Ich sehe den Einsatzstab heute noch strahlen, als ich Mitternacht mit der Nachricht kam, dass der Deich zu ist", sagt Breunig. 14 Tage blieben die Feuerwehren aus dem Kreis Aschaffenburg, 240 Mann insgesamt, zweimal wurden Teams ausgetauscht. Sie blieben trotz einer irritierenden Meldung, die nach Breunigs Erinnerung aus dem Innenministerium kam: Die Hilfe werde nicht mehr benötigt. Dabei war die Region noch im größten Chaos versunken. "Wir haben den Rebellen gespielt und ich glaube, nicht den schlechtesten Eindruck hinterlassen", sagt Breunig.

Im Jahr nach dem Hochwasser kamen sie zurück, um das 2002 ausgefallene Fest zum 135-jährigen Bestehen der Raguhner Feuerwehr zu feiern. "Selbst zur Wiedereröffnung des Kindergartens bekam ich eine Einladung", so Breunig. Dabei hatte der 60-Jährige nicht erwartet, dass aus der aus der Not geborenen Ost-West-Verständigung mehr wird. Als Feuerwehrmann, erzählt er, sei man darauf gedrillt zu helfen und schlicht wieder zu gehen. "Als Helfer tut man gut daran abzuschalten, sonst bringen einen die Dinge, die man im Laufe seiner Karriere sieht, in die Klappsmühle", sagt er. Bei der Flut war alles anders. Diese ungeheure Dankbarkeit, sagt Breunig. "Da entstehen in kürzester Zeit Freundschaften."

Manch ziviler Helfer, glaubt er, habe wohl nach drei Monaten nicht mehr den Namen derer in Erinnerung gehabt, denen er unter die Arme griff. Unter Feuerwehrleuten aber, da gab es zusätzlich eine Basis, ein gemeinsames Interesse. So hat sich Wilfried Nitsche in den vergangenen Jahren am Telefon manche Geschichte von aktuellen Großeinsätzen seiner bayrischen Kameraden angehört. Zu Reisen in die Main-Gegend gehörten stets Abstecher zu den damaligen Helfern. Die Jugendfeuerwehren von Raguhn und Waldaschaff veranstalten inzwischen abwechselnd Zeltlager in Raguhn und Unterfranken, ein Löschfahrzeug der Bayern tut an der Mulde Dienst und eigentlich "vergeht kein Jahr, in dem entweder jemand von hier in Raguhn ist oder umgekehrt", sagt Breunig.

Als der Raguhner "Inselclub" das aus der Gemeinsamkeit nach dem Hochwasser entstandene Altstadtfest ins Leben rief, waren selbstverständlich die Helfer von einst dabei. Und auf den Tag genau zehn Jahre nach ihrer ersten Ankunft werden sie nun wieder da sein. Schon nach einem Jahr habe sich in Raguhn damals viel verändert. "Das Städtchen hatte einen völlig anderen Charakter. Jetzt bin ich wieder gespannt", so Breunig.