Röhrigschacht Sangerhausen: Hinauf auf die Linde

11.05.2012 18:45 Uhr | Aktualisiert 12.05.2012 20:35 Uhr
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Kommen und Gehen auf der Hohen Linde

Kommen und Gehen auf der Hohen Linde. (FOTO: ARCHIV)

Von IRIS STEIN
Zeugen des Kupferabbaus stehen in der Mansfelder Mulde und dem Sangerhäuser Revier: steingraue Kegelhalden. Eine davon haben wir erklommen.
Halle (Saale)/MZ. 

Es sind nur 340 Meter - aber die haben es in sich. Wer auf die Hohe Linde will, klettert nicht etwa auf einen Baum, sondern er erklimmt einen markanten Kegel. Jenen nämlich, der seit Urzeiten das Stadtbild von Sangerhausen prägt - die Halde des Thomas-Müntzer-Schachtes. Die hat diesen Namen, weil sie außerhalb des eigentlichen Bergwerksgeländes liegt und als Gemarkung eben Hohe Linde heißt.

Beim Weg bergauf gilt es auf die Füße zu schauen und nicht in der Gegend herum und auf den Wind zu achten, denn der braust - je höher es geht - immer frühlingsstürmischer über das Gestein. Und an der Kante geht es steil hinab. Direkt daneben, dort, wo bis vor knapp 20 Jahren der Höhenförderer das Geröll nach oben brachte, keucht heute der Mensch zu Fuß - wenn er denn darf.

Der einstige Oberfahrsteiger und heutige Leiter des Bergbaumuseums Wettelrode Erich Hartung darf immer. Zweimal im Jahr kann auch jeder andere, der Lust hat, sich im Kraxeln versuchen. Das ist dann etwas leichter, weil bei öffentlichen Haldenbegehungen bis auf zwei Drittel des Weges nach oben ein Seil gespannt ist, das ein wenig Halt gibt im Schiefer und gegen den Wind. Natürlich riskiert der Hobby-Halden-Bezwinger auch ohne Seil beim etwa 20 minütigen Aufstieg schon manchen Blick in die Runde und staunt: Nicht nur über den Ausblick, sondern auch über das, was unterwegs so alles wächst. Kleine Birken zum Beispiel, kurz vorm Gipfel gar ein winziges Kirschbäumchen. Auf der dem Wind abgewandten Seite der Halde breiten sich Cotoneaster-Flecken aus - nun gut, der ist schließlich im Himalaja zu Hause.

Erich Hartung lacht, er schätzt mehr den Pyramidenvergleich. Oben angelangt stehen wir sieben Meter höher als auf der Cheops-Pyramide, versichert er. Und nun ist auch Zeit für einen Rundumblick. Direkt vor uns im Tal liegt die Brühltalhalde, beziehungsweise das, was davon noch übrig ist, seit sie wieder zurückgebaut wird. Hier lagerte zunächst das taube Gestein des Thomas-Müntzer-Schachtes. Der wurde 1950 geteuft, nachdem es schon in den 40er Jahren erste Erkundungen gegeben hatte. Nach wenigen Jahren war klar, dass es im Sangerhäuser Revier eine neue Kegelhalde geben würde. Die Brühltalhalde durfte nicht weiter wachsen. Falls die damals schon vorhandenen Autobahnpläne einmal Wirklichkeit werden sollten, wäre sie im Wege gewesen. Die Autobahn ist heute woanders, doch die neue Halde entstand. Die "Urzeit" begann in Sangerhausen erst 1956, vorher gab es die so sehr das Stadtbild prägende Halde nicht.

Mit Hilfe einer 900 Meter lagen Seilbahn ging es mit dem Inhalt der Hunte hoch hinaus. Von oben ist heute die Vorhalde deutlich zu erkennen, auf der sich der Kegel immer weiter in die Höhe reckt. 145 Meter um genau zu sein und dabei bedeckt er eine Fläche von 12,6 Hektar. Bis zum 10. August 1990 brauchte es, um diese Ausdehnung zu erreichen. Dann war Schluss mit dem Kupfererzabbau im Thomas-Müntzer-Schacht.

"405 Meter über Normalnull stehen wir hier", sagt Erich Hartung und will nun ein bisschen mehr zeigen: "Dort schlängelt sich die Göpenstraße in Sangerhausen, da ist deutlich die Bühne im Rosarium mit ihrem markanten Dach zu sehen." Den Brockenblick gibt es nicht, da ist der Auerberg davor. Doch der Museumschef nennt die umliegenden Orte, schwärmt vom Blick auf die Goldene Aue, zeigt den etwas entfernten Kyffhäuser und identifiziert den "See", den der Laie gesehen haben will, als Oberröblinger Spargelfeld. "Wenn es nicht so diesig wäre", sagt der ehemalige Bergbauingenieur bedauernd, "sähe man sogar den Petersberg bei Halle oder die Fackel von Leuna. Einmal reichte die Sicht sogar bis zum Inselsberg."

Aus der Ferne wird der Blick wieder in die Nähe gelenkt: Tatsächlich, das ist ein Prachtexemplar von Schwalbenschwanz, der wohl nachschauen will, wer sich da in sein Revier verirrt hat. Am nächsten Wochenende wird der Falter staunen, denn dann wird es wieder so richtig voll hier oben.

Etwa zehnmal war die Hohe Linde schon für die Öffentlichkeit zugänglich und jedes Mal stieg die Zahl der Interessenten. Manche kennt der Bergmann Hartung noch aus seiner Zeit unter Tage. "Einer kommt immer, der hier oben gearbeitet hat", erzählt der 59-Jährige. "Er muss wohl schon über 70 sein und ist erblindet, aber er sagt, er will hier noch mal an seinen Arbeitsplatz und riecht, wenn er oben ist." Auf der Spitze gibt es für alle, die es geschafft haben, einen Stempel in den Gipfelpass. Als beim letzten Termin mehr als 1 000 Leute kamen, bildeten sich gar Schlangen an der Stempelstelle. Die Fachleute vom Bergbaumuseum, die den ganzen Tag vor Ort sind, dann in luftiger Höhe statt schwarzer Tiefe, gelten als gefragte Gesprächspartner und Aussichtserklärer.

Gar nicht genug bekommen kann so mancher, der von der Hohen Linde aus sehen möchte, wie die Welt von oben aussieht. An einen Gipfelstürmer aus Emseloh erinnert sich Erich Hartung besonders gut: "Der wollte sehen, was er schafft", erzählt er, "und ist sage und schreibe gleich 16 Mal an einem Tag hier hoch und runter." Nicht schlecht und vor allem von Vorteil für die Ordnungshüter oben, denn so konnte er gleich kontinuierlichen Nachschub an Verpflegung mitbringen.

Heute braucht es die nicht, nach einer halben Stunde geht es wieder hinunter. Nächstes Wochenende gibt es dazu einen Tusch, dann spielt unten die Schalmeienkapelle Martinsrieth auf. Bestimmt auch das Bergmannslied. Glück auf!