Polizisten bei einem Einsatz am 01. Mai in Berlin. Die Gewalt gegen die Beamten nimmt immer mehr zu. (FOTO: DPA)
Gewalt gegen Polizisten hat nach Einschätzung des Landespolizeipfarrers Michael Bertling in den vergangenen fünf Jahren in Sachsen-Anhalt zugenommen. „Die Hemmschwelle für körperliche Gewalt als auch die Gewalt mit Worten ist gesunken, es wird härter“, sagte Bertling in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Polizeiseelsorge Anhalt. Der evangelische Geistliche betreut in der anhaltischen Region um Dessau-Roßlau rund 1000 Polizisten. Für die etwa 7000 Polizeibeamten in Sachsen-Anhalt gibt es 6 Polizeiseelsorger, 5 evangelische Pfarrer und einen katholischen Geistlichen.
Bertlings seelsorgerischer Beistand ist etwa gefragt, wenn Polizisten zu Großeinsätzen ausrücken. „Ich bin dann direkt neben den Beamten im Einsatz“, erklärte der Seelsorger. Zum Glück habe er selber noch keine körperliche Gewalt erlebt. „Aber angespuckt und beleidigt hat man mich schon. Die haben auf meiner Jacke wahrscheinlich nur bis „Polizei“ gelesen und den Zusatz „Seelsorger“ nicht erfasst.“ Das sei schon eine heikle Situation gewesen.
Als Polizeiseelsorger steht er seinen Kollegen auch bei der Verarbeitung von kritischen Erlebnissen, beispielsweise nach schweren Verkehrsunfällen mit entstellten Toten, bei. Ebenso stellten die Suche nach Gewaltopfern, häusliche Gewalt und Demonstrationen besondere Anforderungen an die Einsatzkräfte. Auch die Belastungen des Polizeidienstes bedürften spezieller Begleitung durch den Polizeiseelsorger. „Es geht mir um eine dauerhafte Begleitung. Seelsorgerische Arbeit bedeutet ja, Konflikte im Vorfeld ausräumen. Ich möchte mit meiner Arbeit dafür Sorge tragen, dass die Betroffenen nicht unbedingt einen Psychiater oder Psychotherapeuten aufsuchen müssen“, sagte der Seelsorger.
„Etwa 80 Prozent der Beamten kommen mit den seelischen Belastungen im Beruf gut zurecht. Und für die 20 Prozent stehe ich als Gesprächspartner zur Verfügung.“ Pro Jahr absolviert Bertling nach rund 100 Polizeieinsätzen zahlreiche individuelle Gespräche, dazu kommen noch etwa 25 Schulungsveranstaltungen in den Dienststellen.
Vor 20 Jahren sei im Zusammenhang mit den Übernahmeverfahren von Polizisten der DDR in den bundesdeutschen Beamtenstatus die Notwendigkeit von Polizeiseelsorgern erkannt worden. Seither sei der Gesprächsbedarf bei den vielfältigen Ereignissen nicht weniger geworden. „Aber bei allen Problemen, die der Dienst bei der Polizei mit sich bringt, ist der Beruf des Polizisten für Menschen, die sich das zutrauen, erstrebenswert“, sagte der Landespolizeipfarrer. „Es ist ein Beruf mit hoher sozialer Verantwortung für die Notwendigkeit von Recht und Ordnung in einer menschlichen Gesellschaft.“