Sachsen-Anhalt: Mehr Kundschaft in Sozialkaufhäusern

11.04.2012 08:07 Uhr | Aktualisiert 11.04.2012 17:09 Uhr
Drucken per Mail
Tassen und Untertassen in einem Sozialkaufhaus

Sozialkaufhäuser bieten alle möglichen Waren an. (FOTO: DPA)

Von Dörthe Hein
Der Gang ins Sozialkaufhaus, in die Kleiderkammer oder das Möbellager gehört für immer mehr bedürftige Sachsen-Anhalter dazu. Die Nachfrage steigt, aber auch das Angebot: In manchen Orten machen sich die Anbieter schon Konkurrenz.
Wolfen/Magdeburg/dpa. 

Sozialkaufhäuser für Bedürftige verzeichnen in Sachsen-Anhalt eine wachsende Nachfrage. Immer mehr Menschen, die zumeist von Hartz IV oder einer kleinen Rente leben, sind auf die Läden angewiesen, ergab eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa. In Wolfen etwa setzt das rund 300 Quadratmeter große Sozialkaufhaus im Brennpunkt-Stadtteil Nord nach eigenen Angaben monatlich 10 000 bis 15 000 Euro um. «Wir haben 3950 Kunden in der Kartei, täglich werden es mehr», sagte Projektleiter Matthias Berger. Dass es eine Nachfrage nach dem günstigen Einkaufen gibt, zeigt auch die Neueröffnung eines Kaufhauses für Bedürftige in Magdeburg Neu-Olvenstedt Ende dieser Woche.

«Ich denke, dass da ein sehr hoher Bedarf ist», sagte Projektmanagerin Katja Richter von der Tochter der Arbeiterwohlfahrt AWO fair.leben. Die Idee hinter dem Kaufhaus sei, die Wegwerfgesellschaft und die bedürftigen Menschen zusammenzubringen. Die einen würden Dinge wegwerfen, an denen sie sich einfach sattgesehen hätten, die anderen könnten sie sich nicht leisten. Schon vor dem Verkaufsstart an diesem Freitag (13. April) seien schon viele Dinge gespendet worden. Auch Nachfrage gebe es schon: Einige Möbel seien bereits reserviert. Auf 400 Quadratmetern Verkaufsfläche findet sich wie in Wolfen alles von der Kleidung über Elektronik bis zu Möbeln. Vereinzelt wollen die Betreiber die Bedürftigkeit der Kunden kontrollieren, etwa über den Hartz-IV-Bescheid.

Allerdings machen sich die Geschäfte für die Bedürftigen auch schon gegenseitig Konkurrenz, wie ein Mitarbeiter eines Magdeburger Möbellagers der Caritas sagte. «Der Markt ist so groß, der Konkurrenzdruck steigt.» Zudem gebe es viele An- und Verkaufsläden. Die Zahl der Spenden sei derzeit größer als die Nachfrage. Zum Gucken kämen viele, zum Kaufen deutlich weniger.

In Sachsen-Anhalt gibt es laut Arbeitsagentur derzeit rund 228 000 erwerbsfähige Hartz-IV-Empfänger. In der Zahl enthalten sind Empfänger von Arbeitslosengeld II und solche, die ergänzendes Hartz IV erhalten. Das sind Menschen, die einen Job haben, aber zum Überleben noch staatliche Unterstützung bekommen. Insgesamt bezieht rund jeder zehnte Sachsen-Anhalter damit Hartz IV.

Der Sprecher der Diakonie Mitteldeutschland, Frieder Weigmann, sagte, die Nachfrage in Kleiderkammern und Möbelbörsen in Halle, Magdeburg und Halberstadt sei in den vergangenen zwei bis drei Jahren gestiegen. «Es ist eine dauerhafte Schattenwirtschaft entstanden.» Die Klientelgruppen verfestigten sich. Die Bedürftigen seien darauf angewiesen, dass es dauerhafte Hilfe wie auch in Form der Lebensmittel-Tafeln gebe. «Viele kommen sonst nicht über den Monat.» Für die Diakonie seien das die Symptome dafür, dass der Hartz-IV-Regelsatz für Langzeitarbeitslose nicht ausreiche.