Salzlandkreis: Die Leidensgeschichte eines Opfers

18.06.2012 14:56 Uhr | Aktualisiert 18.06.2012 20:23 Uhr
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VW-Bus an der Unfallstelle (10. April 2011)

Der VW-Bus mit vier Kindern wollte von der Ausfahrt der B6n Richtung Hoym abbiegen, als der Renault mit mindestens 127 km/h in der 70er Zone in das Fahrzeug prallte. (ARCHIVFOTO: F. GEHRMANN)

Von Detlef Valtink
Mit der Aufarbeitung der Krankheitsgeschichte des querschnittsgelähmten Tom R. (11) ist am Amtsgericht Aschersleben der Prozess gegen die 54-jährige Christine M. und den 41-jährigen Gerrit Dirk B. fortgesetzt worden.
Aschersleben/MZ. 

Tom R. war eines der Unfallopfer, die bei dem Zusammenstoß eines VW-Transporters und eines Renault Laguna am 10. April 2011 an der sogenannten Todeskreuzung zwischen Hoym und Nachterstedt zu beklagen waren. Bei dem Unfall, bei dem Gerrit Dirk B. mit überhöhter Geschwindigkeit in den Transporter gerast sein soll, war ein Zwölfjähriger an seinen schweren Verletzungen verstorben.

Welches monatelange Martyrium Tom R. erdulden musste, wurde am Montag vor Gericht deutlich. Trotz fünf großer Operationen hat der Elfjährige neben seiner Lähmung auch noch Funktionsstörungen des Darmes und der Blase sowie erheblich Probleme im Sozialverhalten. Dazu kommen Unmengen an Medikamenten, die der Junge sein Leben lang einnehmen muss. Erst Ende Juli 2011 konnte Tom R. mit der stationären Rehabilitation beginnen, die im März dieses Jahres vorläufig abgeschlossen wurde. Vorrangiges Ziel war es, den Jungen zur größtmöglichen Selbstständigkeit zu führen.

Doch schon der Start verlief schwierig. Tom verweigerte sich sehr häufig den Behandlungen - es kam zu Wutausbrüchen und aggressiven Anfällen. Er musste psychologisch betreut werden. Der Elfjährige rutschte von einer gesundheitlichen Krise in die nächste. Erst spät schafften es Ärzte und Fachpersonal, ihr eigenes Ziel zu verfolgen. Stück für Stück wurde Tom R. an selbstständiges Essen, Benutzung des Rollstuhles, An- und Auskleiden, Waschen und Umlegen im Bett herangeführt. Dinge, die der Junge bis heute immer wieder trainieren muss.

Warum die Ankläger auf diese ausführlichen Darstellungen Wert legten, verdeutlichte Rechtsanwalt Thomas Klaus, der Ramona S., die Mutter des getöteten Jungens, als Nebenkläger vertritt. „Wir geht es Ihnen, wenn Sie das alles hören?“, fragte er die Angeklagten. Gerrit Dirk B. verwies zunächst darauf, dass er momentan selbst Probleme habe, weil es seinem Vater gesundheitlich nicht gut gehe. Und anschließend: „Das Geschehene tut mir alles sehr leid.“ Christine M., die seit dem Unfall mit der Mutter vom Tom R. regelmäßig Kontakt hält, konnte dem Gericht erklären, dass der Junge vor wenigen Tagen in den Füßen und Zehen wieder erste Bewegungen vollziehen kann. „Es gibt wieder ein Stück Hoffnung“, erzählte die Angeklagte, bevor sie in Tränen ausbrach.

Nach bisherigen Ermittlungen und Gutachtern befand sich der mit vier Kindern besetzte VW eines Kinderheimes aus dem Altkreis Quedlinburg im Abbiegevorgang von der Ausfahrt der B6 n in Richtung Hoym, als der Renault mit mindestens noch 127, maximal 143, Stundenkilometer in der 70-iger Zone in das Auto krachte. Bei dem Aufprall wurde der VW in die Luft geschleudert und drehte sich dabei fast einmal um die eigene Achse, während der Renault erst 30 Meter hinter dem Aufprallpunkt endgültig zum Stehen kam.

Die dabei wirkenden Kräfte schleuderten Tom R., der angeschnallt war, in dem Auto derart umher, dass er sich den fünften Halswirbelkörper brach und querschnittsgelähmt wurde. Dazu kamen Schäden an der Lunge und der Leber, die durch Einblutungen eine langwierige Behandlung erforderten. Zeitweise erschwerte eine erschöpfte Atmung und mehrere Wundinfektionen den Heilungsprozess.

Die Verhandlung am Amtsgericht Aschersleben wird am Donnerstag, 28. Juni, um 10 Uhr fortgesetzt.