Der 68-jährige Produktionsmanager Surgil Singh Sethi wurde am Sonntag um 4.30 Uhr von einem Unbekannten mit einer Schaufel bedroht. (FOTO: PÜLICHER)
Jürgen Bach fällt es am Donnerstagnachmittag nicht leicht, über die Vorgänge vom vergangenen Sonntag in Bebitz zu sprechen. Der Prokurist des Flanschenwerkes ist sichtlich erschüttert und wütend über das Geschehen, das sich in der Werkssiedlung zugetragen hat. "Es hat am Sonntagmorgen einen tätlichen Angriff auf unseren indischen Prokuristen gegeben, der mit in der Siedlung wohnt", schildert er während einer vom Betrieb einberufenen Pressekonferenz. Der als Produktionsmanager arbeitende 68-jährige Surgil Singh Sethi - "ein friedliebender Mensch" - sei am Sonntag gegen 4.30 Uhr von einem Mann tätlich angegriffen worden. "Dieser Unbekannte wollte ihn mit einer Schaufel erschlagen."
Draußen randaliert
Sethi habe sich in letzter Sekunde noch ins Haus retten und die Tür schließen können. Der Angreifer habe daraufhin draußen randaliert, die Zäune zerlegt, Mauern eingerissen, die Tür fast zerschlagen und mit dem Stiel der Schaufel durchstoßen. "Wenn Herr Sethi nicht die Tür geschlossen hätte, wäre er von der Schaufel erschlagen worden." Dies sei ein Angriff auf ein Führungsmitglied des Unternehmens, so Jürgen Bach. Dies sei ein Angriff auf einen Inder - da könne sich jeder selbst heraussuchen, wie dies zu deuten sei. "Wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir sagen: Das können wir nicht mehr tolerieren."
Bach sieht einen Zusammenhang der Tat mit der Kündigung der Wohnungen in der Werkssiedlung zum Jahresende. Das Flanschenwerk beabsichtigt, auf der Fläche der jetzigen Wohnsiedlung eine Produktionshalle zu errichten. "Trotz unserer Bemühungen, mit den Mietern zu einer gütlichen Einigung zu kommen, können wir nicht akzeptieren, dass hier Menschen tätlich angegriffen werden."
Mieter nicht in der Kritik
Leider sei der Angreifer unbekannt. "Herr Sethi konnte ihn auch nicht erkennen." Die Ursache, warum der Manager angegriffen wurde, "ergibt sich aber nur aus dem Wohnungskonflikt in Bebitz." Andere Dinge stünden nicht auf der Tagesordnung. "Ich möchte ausdrücklich betonen, dass wir unsere Mieter nicht unter Verdacht stellen", betont Bach . Die meisten Mieter hätten eine gute Beziehung zum Flanschenwerk. "Wir denken auch nicht, dass der Angriff aus der unmittelbaren Mieterschaft kommt. Wir vermuten, dass jemand aus dem Umfeld hier etwas aufgegriffen hat und nun versucht, Rache zu nehmen." Schließlich stehe der Produktionsmanager stellvertretend für den indischen Investor Dhruv Kochhar. Dieser sei äußert bestürzt über die Situation und habe gesagt, dass er sich seine eigenen Gedanken über die Sache machen werde.
Ein solcher Vorfall lässt ein negatives Bild bei ausländischen Investoren entstehen, wenn deren Leib und Leben bedroht ist, so Bach. Da sei es wichtig, dass sich jedermann von solchen Anschlägen distanziere.
Der Prokurist wies noch auf Vorkommnisse im Zusammenhang mit den Wohnungskündigungen hin. "Unsere Entscheidungen, über die wir mit den Mietern gesprochen haben, sind von der NPD torpediert worden", sagte Bach. Die Partei habe sich über das Internet zu der Sache positioniert und zudem Flugblätter in die Briefkästen der Bewohner der Werkssiedlung gesteckt. Darin werde Stimmung gegen die Entscheidung des indischen Investors gemacht. "Ich habe ebenfalls einen Brief bekommen mit der Unterschrift: Die Mieter." Und dies, obwohl das Werk mit dem Großteil der Betroffenen sich gütlich einigen konnte. Bis dahin habe man dies noch tolerieren können, so Bach. Mit dem Überfall auf den Produktionsmanager sei aber eine Situation eingetreten, wo man eindeutig sagen müsse: "Jetzt ist Schluss mit lustig!"
Versuchter Totschlag möglich
Nikolaus Schmidt, der Anwalt des Flanschenwerkes, versuchte eine rechtliche Wertung des Überfalls. "Es könnte sich dabei um einen versuchten Totschlag handeln, einen schweren Hausfriedensbruch und eine schwere Sachbeschädigung." Der mögliche versuchte Totschlag sei das schwerstwiegende Delikt. Nach einer richterlichen Würdigung könnte dies eine zwei- bis dreijährige Freiheitsstrafe nach sich ziehen. Das Problem sei aber, dass der Täter noch unbekannt ist. Sethi könne nur sagen, dass der Mann zwischen 25 und 30 Jahre alt ist. Zudem sei dieser stark angetrunken gewesen.
Nach der Tat seien noch zwei Männer gekommen - einer mit dem Rad, der andere zu Fuß und hätten den Täter mitgenommen und sich Richtung Siedlung entfernt, ergänzte Bach. Dabei sei auch die Schaufel mitgenommen worden. Die Flugblätter der NPD hätten in Bebitz und Umgebung ein Strohfeuer entfacht, so Schmidt. "Dies war sicher eine Keimzelle des Vorfalls. Der unmittelbare Zusammenhang ist für uns hier nicht feststellbar", meinte der Anwalt. Da müsse man die Ermittlungen des Staatsschutzes abwarten.
Nicht in braune Ecke
Manfred Lehmann, Mieter in der Siedlung, sagte er am Donnerstagabend auf MZ-Nachfrage: "Wir distanzieren uns klar von diesem Überfall. Wir lassen uns nicht in die braune Ecke stellen." Sollte sich herausstellen, dass es sich wirklich um einen ausländerfeindlichen Vorfall handele, distanziere sich der Landkreis von einer solchen Tat, meinte Ulrich Reder, Stellvertreter des Landrates. Wegen des Vorfalls gebe es derzeit noch keine Änderungen der Unternehmensentscheidungen zu künftigen Investitionen in Bebitz, erklärte Priyank Kalra vom Unternehmensmanagement.