Schulden: Der Vollstrecker

06.07.2012 21:09 Uhr | Aktualisiert 06.07.2012 21:35 Uhr
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Gerichtsvollzieher Roland Höhne

Gerichtsvollzieher Roland Höhne im Einsatz (FOTO: ACHIM KUHN)

Von Katrin Löwe
Wie der Alltag eines Gerichtsvollziehers aussieht und warum einer von ihnen trotz des Dramas von Karlsruhe gegen eine Bewaffnung ist.
Dietrichsdorf/MZ. 

Es war Mitte der 90er, erinnert sich Roland Höhne. Eine Zwangsräumung in Wittenberg, dritter Stock, keine Reaktion auf sein Klingeln. Als der Schlüsseldienst loslegte, ging plötzlich die Tür auf und eine Waffe kam zum Vorschein. "Der Schlüsseldienst-Mann war sehr erschrocken, auch ich war nicht ganz unberührt", sagt Höhne. Die Situation ist nicht eskaliert damals. Der trotz Ankündigung offenbar vom Besuch überraschte Mietschuldner entspannte sich sofort, als er Höhne erkannte. Die Pistole entpuppte sich als Schreckschusswaffe.

Heute sitzt Höhne in seinem Büro in Dietrichsdorf (Kreis Wittenberg). Jeans, kariertes Hemd - kein Nadelstreifen, der Schuldnern per se Überlegenheit suggeriert. Der 58-Jährige ist einer der ersten zwölf Gerichtsvollzieher, die Sachsen-Anhalt Anfang der 90er hatte, und Vorsitzender des Bundes der Gerichtsvollzieher im Land. Gerade kommt er von Hausbesuchen, rund dreimal die Woche macht er eine Tour. Im Büro stehen 30 Schubladen - die Zahl der Orte, in denen er Schuldner hat, Kleinstädte wie Jessen inklusive. Rund 1  600 Aufträge pro Jahr arbeitet ein Gerichtsvollzieher im Land oft ab. "Die große Masse der Beträge liegt zwischen 50 und 500 Euro: nicht bezahlte Versicherungsbeiträge, Handyrechnungen, Versandhandel."

Zwangsräumungen, wie sie in Karlsruhe zum Drama führten, sind bei ihm eher selten. Zwei bis drei im Jahr, sagt Höhne - ein Magdeburger Kollege hat rund 20. Höhne hält es für möglich, dass künftig einmal mehr zu solchen Terminen Amtshilfe der Polizei angefordert wird. Bisher tut er das vor allem, wenn Haftbefehle zu vollstrecken sind - schon weil er weder Handfesseln hat noch mit einem verhafteten Schuldner allein in seinem Wagen sitzen will.

Eine Bewaffnung als Konsequenz aus dem Drama von Karlsruhe lehnt Höhne ab. Einerseits, weil er keine Gewalt provozieren will. Andererseits, weil er sie trotz der psychischen Ausnahmesituation, in der sich mancher Schuldner befindet, kaum für nötig hält. "Wir gehen nicht in den Kampf oder zur Mafia, sondern meist zu ganz normalen Menschen, die unverschuldet Pech hatten oder nicht mit Geld umgehen können", sagt er. Karlsruhe sei alles andere als Alltag. Würde er immer mit Gedanken an solche Taten losgehen, "könnte ich nicht mehr arbeiten."

Drei Viertel der Schuldner kenne er seit Jahren, so Höhne, in mancher Familie habe er mit der dritten Generation zu tun. Da ist er nicht nur Gerichtsvollzieher, der Schulden eintreibt, da ist er auch Schuldenberater - "Ratenzahlungen sind Gläubigern lieber als Insolvenz und eidesstattliche Versicherung" - oder gar Buchhalter. "Wenn man den Job richtig macht, ist man eine der wenigen Vertrauenspersonen, die ein Schuldner hat." Sicher, es gibt Menschen, die ihre Wut verbal an ihm auslassen. Höhne betreut auch Straftäter, die Schulden haben. Grundsätzlich weiß er vor einem Besuch nicht, ob jemand vielleicht schon mehrfach wegen schwerer Körperverletzung verurteilt wurde. Vor Vorbestraften oder Kriminellen, denen man Gewalttätigkeit ansieht, habe er keine Angst, sagt Höhne. Auf die könne man sich einstellen, zur Not ziehe er sich zurück und komme mit Polizei wieder. "Auf verzweifelte Menschen aber kannst du dich nicht vorbereiten, weil du nie weißt, ob und wann denen vielleicht die Sicherung durchbrennt." Größere Angriffe in Sachsen-Anhalt sind ihm in den vergangenen Jahren nicht zu Ohren gekommen.

In der Ausbildung spielen laut Justizministerium sowohl Deeskalation als auch Selbstverteidigung eine Rolle. Im kommenden Jahr, so Sprecherin Ute Albersmann, wolle man als Fortbildung zudem ein Sicherheitstraining anbieten, für Bedrohungssituationen und zur Eigensicherung. Vereinbart worden sei das noch vor Karlsruhe.

Höhne wünscht sich, über Polizei oder Meldebehörden künftig zumindest erfahren zu können, ob jemand im Besitz einer Waffe sein könnte. Ansonsten setzt er vor allem auf Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Und im Umgang mit Klienten, sagt er, hat er immer eins im Hinterkopf: "Jeder von uns kann morgen schon Schuldner sein."