Schulnoten: Kritik an geplanter «Zahlenkosmetik»

14.05.2012 20:45 Uhr | Aktualisiert 14.05.2012 22:52 Uhr
Drucken per Mail
Zensuren auf einem Zeugnis

Sitzen bleiben wird künftig schwieriger. Kritiker des neuen Notensystems halten dem Land deshalb vor, mit dem neuen Bewertungsmodus die Statistik schönen zu wollen. (FOTO:ARCHIV)

Von CHRISTIAN SCHAFMEISTER
Die vom Kultusministerium geplante Senkung des Schulnoten-Niveaus in Sachsen-Anhalt stößt in der Wirtschaft auf massive Kritik. "Das ist ein Schritt in die falsche Richtung, so werden wir definitiv nicht besser", sagte Simone Danek, Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung der IHK Halle-Dessau.
Halle (Saale)/MZ. 

Die vom Kultusministerium geplante Senkung des Schulnoten-Niveaus in Sachsen-Anhalt stößt in der Wirtschaft auf massive Kritik. "Das ist ein Schritt in die falsche Richtung, so werden wir definitiv nicht besser", sagte Simone Danek, Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau (IHK). Zwar sei es richtig, bei Schulabgängern nicht nur auf die Noten zu schauen, sondern auch deren soziale Kompetenz und Einsatzbereitschaft zu berücksichtigen. "Wichtige Grundkenntnisse müssen aber weiter vermittelt werden Und dabei darf eine gewisse Sollbruchstelle nicht unterschritten werden", betonte sie.

Nach den Plänen des Ministeriums sollen die Lehrer im nächsten Schuljahr einen überarbeiteten Bewertungsschlüssel bekommen (die MZ berichtete). Für die einzelnen Noten in den Klassen fünf bis zehn sind darin konkrete Prozentzahlen festgelegt. Mussten bisher etwa 51 Prozent der möglichen Gesamtleistung für die Note "ausreichend" erzielt werden, reichen künftig 40 Prozent. Laut Staatssekretär Jan Hofman (SPD) passt sich Sachsen-Anhalt damit nur den Durchschnittswerten an, die bereits in Ländern wie Thüringen und Sachsen gelten. "Und dort ist auch nicht das Abendland untergegangen."

Für IHK-Geschäftsführerin Danek ist das dennoch der falsche Weg, zumal es bereits heute erhebliche Probleme gebe. So konnte nach einer IHK-Umfrage die Hälfte der 148 befragten Unternehmen nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. "In 75 Prozent dieser Fälle hat den Bewerbern die nötige Ausbildungsreife gefehlt", sagte Simone Danek. Senke das Ministerium die Anforderungen, sei das "reine Zahlenkosmetik" und mache es für die Betriebe auch schwerer, Bewerber einzuschätzen. "Denn letztlich werden so auch die Zeugnisse entwertet."

Skeptisch reagierte auch die Handwerkskammer Halle. "Wir diskutieren viel zu viel über Strukturänderungen. Aber wir reden viel zu wenig über eine Verbesserung der Qualität", erklärte Präsident Thomas Keindorf. Dies müsse aber angesichts "seit Jahren abnehmender Leistungen der Schulabgänger" das eigentliche Thema sein. "Der Vorstoß aus dem Ministerium hilft uns da nicht weiter", sagte Keindorf, der zugleich Landtagsabgeordneter für die CDU ist.

Kritik kommt auch vom Pädagogik-Professor Fritz-Dietrich Neumann aus Lüneburg, der in Sachsen-Anhalt Mitglied des Bildungskonvents war. "Das läuft alles auf einen Etiketten-Schwindel hinaus und bringt keinen Zugewinn an Bildung", betonte er.