Paul Philipp, Teilnehmer des Seniorenkollegs an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. (FOTO: DAPD)
Seit 1981 besucht Philipp regelmäßig die Angebote der Hochschule, die sich speziell an ältere Menschen jenseits des Berufslebens richten. Damals war er selbst gerade erst aus der Arbeitswelt als Ökonom ausgeschieden. „Die Uni ist nun Teil meines Lebens geworden“, sagt Philipp.
„Meine grauen Zellen sollen nicht einschlafen, sie sollen arbeiten“, betont der Rentner. Während er als Kind nicht so gerne in die Schule gegangen sei, habe sein Wille zum Lernen im Lauf seines Lebens immer mehr zugenommen. Als Sohn einer Hutmacherin kam er in Hannover zur Welt. Seinen Vater lernte er nie kennen, der war im Ersten Weltkrieg geblieben.
Geld für eine weiterführende Schule habe es in seiner Kindheit und Jugend nicht gegeben. Als ganz junger Mann wurde er schließlich selbst zum Krieg eingezogen. Zurück aus der Gefangenschaft und entlassen kam er mit 30 nach Halle. „Zu alt für Abitur und Studium“, resümiert Philipp.
„Atmosphäre an der Universität stimmt“
Seit dem Beginn seines Ruhestands hole er nun nach, was er vermeintlich in der Jugend verpasst habe. Wobei seine Lieblingsthemen Astrologie und Archäologie seien. Doch Philipp besuche generell alle für Senioren angebotenen Vorträge, ob Natur- oder Geisteswissenschaft, Kunst oder Medizin.
Die „Wissenschaftliche Vortragsreihe“ des Seniorenkollegs widmet sich allen Fachbereichen. Zu den einstündigen Referaten der Hochschulprofessoren aller zwei Wochen kämen im Schnitt bis zu 350 Senioren, sagt die Leiterin des Seniorenkollegs in Halle, Gisela Heinzelmann. „Immer wieder loben die Professoren, dass die älteren Studenten ein sehr diszipliniertes, aufmerksames und neugieriges Publikum sind“, betont sie.
Trotz der Masse sei es so ruhig im Saal, dass man eine Stecknadel fallen hören könne, schwärmt Philipp. Die Atmosphäre an der Uni stimme einfach. Deshalb gehe er gerne dorthin. Einen bestimmten Höhepunkt aus 30 Jahren Universitätsleben könne er nicht benennen. „Jede Vorlesung ist ein Höhepunkt“, sagt er. „Ich sitze immer in der fünften oder sechsten Reihe“. Sollte er einmal nicht gleich verstanden haben, worum es geht, lese er zu Hause noch einmal nach. „Ich habe eine umfangreiche Bibliothek, da geht das.“
Früher ist Philipp gemeinsam mit seiner Frau über viele Jahre hinweg gemeinsam zu den Veranstaltungen gegangen. Seit seine Gattin vor wenigen Jahren starb, besucht er nun allein das Kolleg. Seit drei Jahren hat er ein Hörgerät und die körperlichen Beschwerden würden stärker. Dennoch: Auf den Termin im zweiwöchigen Rhythmus freue sich Philipp immer noch sehr: „Ich möchte meinen 100. Geburtstag im Kreise des Seniorenkollegs erleben. Das ist mein größter Wunsch.“