Torsten Hedel hat einige Schicksalsschläge verdauen müssen - heute baut der Ex-Pilot selbstentwickelte Gitarrenverstärker der Luxusklasse. (FOTO: KÖNAU)
Die Band bollert noch mal richtig los. Gitarrist Mieze haut in die Saiten, die Gitarre heult, das Licht flackert. Der Mann neben der Bühne, die eigentlich ein Wohnzimmer ist, fährt den Arm aus und zeigt mit wippendem Finger auf ein altes Röhrenradio neben dem Gitarristen, in dem rotes Licht flackert. "Hört ihr das", formen die Lippen von Torsten Hedel, "das ist mein Baby!"
Hedel, ein kräftiger Mann mit lustig blitzenden Augen, wirkt nicht krank in diesem Moment. Der 45-Jährige ist einfach nur glücklich, obwohl die Bands, die heute in dem alten Fabrikloft spielen, in dem Hedel wohnt und arbeitet, nicht nur mal eben so zur Party aufspielen. Es ist ein Solidaritätskonzert für den gelernten Elektroniker, dem das Leben seit einigen Jahren übel mitspielt und der inzwischen Mühe hat, seine Miete zu zahlen.
Dabei fing alles harmlos an. "Eines Tages konnte ich nichts mehr hören", erinnert sich der Hallenser, den eine Kindheit im Huttenchor zur Gitarre und schließlich zum Bass brachte. Nichts mehr mit Musik. Es beginnt eine monatelange Odyssee zu Spezialisten aller Art. Dann erhält Hedel, den wegen seines Hörproblems inzwischen alle fröhlich "Mono" nennen, die niederschmetternde Diagnose: Multiple Sklerose. Das Beste daran ist, dass eine Therapie das Gehör wiederherstellt. Das Schlechte: Die Krankheit selbst ist unheilbar.
Mono hat sich aufgerafft wie damals, als sein kleines Bauunternehmen pleite ging, weil die Kunden einfach nicht mehr zahlten. Seinerzeit hat er in sich gehorcht. "Ich habe mich gefragt, was willst Du mit dem Rest deines Lebens machen?" Der Mann im Lennon-Shirt weiß es schnell: "Pilot werden." Mit Mitte 30 macht er den Hubschrauberschein, ist gerade fertig und bereit, durchzustarten. "Naja, da kam die MS-Diagnose und die Ärzte sagten, es reicht nicht mehr für die Flugtauglichkeitsbescheinigung."
Damals hat er sich in die Musik gestürzt. "Die hat geholfen, mit der Krankheit klarzukommen." Zumindest bis zu dem Tag, an dem ein anderer Wagen ihn bei Glatteis von der Straße schiebt. Auto Totalschaden. Niere beschädigt. Rücken kaputt. Monatelang Krankenhaus. Prozesse. Schadenersatzklagen. Die Krankenkasse ist nicht mehr zuständig. Die Rentenversicherung noch nicht. Die Arbeitsagentur winkt auch ab. "Ich saß auf einmal zwischen allen Stühlen und bekam von nirgendwo Hilfe", sagt Torsten Hedel. Außer von den Freunden. Mit denen macht er an guten Tagen, wenn der Körper nicht beißt und brennt, Musik. Denen hilft er, wenn ein Verstärker muckert. "Und wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her", schmunzelt er. Lutz Kretzschmann von der halleschen Band Return to Peeze bringt ihn auf die Idee, gleich selbst Verstärker zu bauen. Nicht irgendwelche, nichts, was es woanders auch gibt. Nein, ein echter Amp aus dem Hause Mono steckt im Original-Gehäuse eines alten Röhrenradios.
"Ich habe das ja gelernt", erklärt der Entwickler und Erbauer der einzigen handgemachten Amps in ganz Ostdeutschland. Mit einem 3D-Designprogramm hat Hedel die Schaltungen entworfen, die er mit Teilen aus aller Welt bestückt. Hier ist alles handgelötet, nicht ein einziger Transistor, der echten Musikfeinschmeckern als Soundkiller gilt, wird verbaut. "Da drin steckt mein Herzblut", sagt er selbst. Was an Zulieferteilen gebraucht wird, kommt von halleschen Partnerfirmen, in der Werkstatt in Halle Ost, die früher mal eine Näherei war, werden die Trägerplatten bestückt und in die bis zu 90 Jahre alten Holzgehäuse eingebaut.
Die Liebe zum Detail ist zu hören, aber auch nicht zu übersehen. Hedels Verstärker klingen warm und mächtig, vorn blitzt das Mono-Logo. Wenn der Gitarrist einstöpselt und hochdreht, vergisst Thomas Hedel seine Schmerzen und die Angst vor dem nächsten Gang zum Amt, wo sie ihn wieder abwimmeln und weiterreichen werden. Der Gitarrist haut in die Saiten. Der Mono auf der Bühne brüllt, der Mono davor glüht vor Glück. "Das ist mein Baby", leuchten seine Augen, "das habe ich gebaut."