Uni Halle: Leipziger Jugendamtsleiter muss Doktortitel abgeben

18.04.2012 17:21 Uhr | Aktualisiert 18.04.2012 20:42 Uhr
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Siegfried Haller

Siegfried Haller, Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Bildung der Stadt Leipzig auf einer Pressekonferenz zu Plagiatsvorwürfen bezüglich seiner Dissertation. (FOTO: DAPD)

Von ALEXANDER SCHIERHOLZ
Der Leipziger Jugendamtsleiter Siegfried Haller ist seinen 2003 an der Martin-Luther-Universität in Halle erworbenen Doktortitel los. Er habe grob gegen die Regeln und Standards wissenschaftlichen Arbeitens verstoßen, so ein Dekan.
Halle (Saale)/Leipzig/MZ. 

Prof. Burkhard Schnepel begnügt sich mit zwei Beispielen: "Seiten 12 bis 21", sagt der Dekan der Philosophischen Fakultät I der Uni Halle, "fast vollständig und ohne Änderung übernommen aus einer Veröffentlichung des Bundesamtes für Bauordnung. Seiten 21 bis 31, übernommen aus einer Broschüre des Landes Brandenburg." Davor habe Siegfried Haller jeweils die Fußnote "Text folgt in Auszügen aus...." gestellt. "Aber es waren eben mehr als nur Auszüge", so Schnepel.

Nach Erkenntnissen der Uni Halle zieht sich diese Arbeitsweise wie ein roter Faden durch die Dissertation zum Thema Stadtsanierung, mit der Leipzigs Jugendamtsleiter 2003 an der Uni Halle promovierte. Haller habe nie Übernahmen aus Texten verschwiegen, so Schnepel, aber er habe auch nicht Seitenzahlen genannt oder Gänsefüßchen verwendet, so dass eine klare Zuordnung zitierter Textstellen nicht möglich sei. Für den Fakultätsrat ein grober Verstoß gegen die Regeln und Standards wissenschaftlichen Arbeitens: Gestern hat das Gremium Haller seinen Doktortitel entzogen.

Schnepel wirft Haller vor, den Promotionsausschuss und die damaligen beiden Gutachter der Arbeit getäuscht zu haben. Er räumt zwar ein, die Gutachter hätten "vielleicht zu naiv auf die Einhaltung wissenschaftlicher Standards vertraut". Sie hätten damals nicht die Sensibilität gehabt, die heute üblich sei. Heute, da bundesweit und international immer wieder neue Plagiatsfälle bekannt werden.

Sorge um den Ruf

An der halleschen Alma mater ist es der erste - und die Uni sorgt sich um ihren Ruf. "Durch solche Fälle kann das ganze Promotionsgeschehen in falsches Licht geraten", sagt Rektor Prof. Udo Sträter und warnt davor, Promovenden unter Generalverdacht zu stellen. So könne bei jährlich rund 330 Promotionen und knapp 2 000 Promotionsstudenten beispielsweise nicht jede Arbeit mit einer Plagiatserkennungssoftware geprüft werden. Sträter deutet an, die Uni werde einer für kommende Woche erwarteten Empfehlung der Hochschulrektorenkonferenz folgen, wonach solche Computer-Programme nur bei einem begründeten Verdacht eingesetzt werden sollen. Bislang wird das in den einzelnen Fakultäten noch unterschiedlich gehandhabt.

Auch für die Berliner Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff ist die Software "nur ein Mosaikstein" beim Aufspüren von Plagiaten. Nach ihren Erfahrungen sind selbst die ausgereiftesten Systeme nur in der Lage, 60 bis 70 Prozent entsprechender Textstellen zu finden. Für wichtiger hält es die Professorin für Medieninformatik, Studenten rechtzeitig wissenschaftliches Schreiben beizubringen. "Wir brauchen eine Kultur des Zitierens, wir müssen die Quellen immer angeben und skrupellos ehrlich sein", sagt Weber-Wulff. An der entsprechenden Vermittlung mangele es an Hochschulen häufig: "Man nimmt an, Studenten haben das in der Schule gelernt, aber das haben sie eben nicht." Notwendig seien deshalb regelrechte Schreibtrainings, dafür müssten die für die Universitäten zuständigen Länder allerdings Geld in die Hand nehmen. "Es gibt genügend arbeitslose Germanisten und Geisteswissenschaftler, die das übernehmen könnten."

Promotion aus Geltungsdrang?

Darüber hinaus müssten Professoren aus Sicht der Plagiatsforscherin mehr Zeit zum Lesen von Doktorarbeiten haben: "Häufig passiert das nur oberflächlich", weil zu viele Arbeiten zu betreuen seien. Ändern lasse sich das, indem die Zahl der Dissertationen eingegrenzt werde. Weber-Wulffs zugespitzte provokante These: "Wenn man den Doktortitel aus dem Ausweis streichen würde, würden weniger Leute promovieren." Viele wollten nur aus Geltungsdrang einen Titel haben, "für das Messingschild an der Tür". "Das müssen wir abschaffen."

Die Uni hat ihren Beschluss gestern am späten Nachmittag dem Anwalt von Siegfried Haller per Fax mitgeteilt. Haller sitzt derweil in einer Tagung in Berlin, für Nachfragen ist er am Abend nicht erreichbar. Bereits im März hatte er angekündigt, die Entscheidung "mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln anzugreifen", sprich: Widerspruch einzulegen und notfalls zu klagen. Die Auseinandersetzung wird weitergehen.