Wasserwehr-Chefin: Claudia Elze als Erste auf dem Deich

10.08.2012 18:59 Uhr | Aktualisiert 10.08.2012 22:17 Uhr
Verewigt: Claudia Elze und ihr Namensschild auf der «Sandbank», dem Fluthelfer-Denkmal am Bitterfelder Goitzschesee. (FOTO: ANDREAS STEDTLER) 
Von Alexander Schierholz
Zehn Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser werfen vielerorts Freiwillige ein Auge auf die Dämme. Derweil geht die Diskussion darüber weiter, wie man sich am besten vor neuen Fluten schützt.
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Bitterfeld/MZ. 

Claudia Elze braucht ein wenig Zeit, bis sie ihren Namen findet. Kein Wunder bei mehr als 2 000 Namensschildern, welche die 66 Meter lange leicht geschwungene blaue Metallbank am Goitzschesee in Bitterfeld schmücken. Die "Sandbank", so ihre Bezeichnung, soll an den Sandsackwall erinnern, den im August 2002 zahlreiche Helfer aufschichteten, um die Bitterfelder Altstadt vor den Fluten der Goitzsche zu bewahren.

Claudia Elze war damals dabei, weil man eben dabei war als Angehörige der freiwilligen Feuerwehr. Flut, das hieß für sie Dienst. Das ist auch heute noch so: Die 51-Jährige ist Chefin der 2003 gegründeten Bitterfelder Wasserwehr.

Rund 90 solcher Wasserwehren gibt es nach Angaben des Umweltministeriums in Sachsen-Anhalt, in fast jedem Landkreis: Freiwillige, die Deiche und Gewässer regelmäßig kontrollieren und zur Not auch kleine Schäden reparieren. Laut Landeswassergesetz müssen die Wehren gebildet werden in Orten, die von Hochwasser- und Eisgefahren bedroht sind.

Das war schon vor 2002 so, bloß interessierte es damals kaum jemanden. Drei Jahre nach der Flut begann das Ministerium deshalb damit, Aus- und Fortbildungslehrgänge für Wasserwehren zu organisieren. Die Trainer kamen vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz. Sie zeigten unter anderem, wie man fachgerecht einen Sandsackverbau errichtet.

Schnittmenge mit der Feuerwehr

41 Frauen und Männer sind sie in Bitterfeld, der jüngste 18, der älteste 65. Einmal im Monat treffen sie sich, um Wissen aufzufrischen. Theorie steht auf dem Plan: rechtliche Grundlagen, Sicherheitsvorschriften. Und Praxis: "Im Sommer geht es auf die Dämme", erzählt Elze, "auch um Neulingen zu zeigen, worauf sie bei Deichschauen achten müssen." Im Goitzschewald üben sie an aufgestauten Bächen den Einsatz von Pumpen.

Mittlerweile haben sie auch ein Boot, ein kleines, flaches, gut geeignet auch für niedrige Wasserstände. Das Land hat es finanziert. "Wir sind jetzt gut aufgestellt", sagt Elze. Die Ausrüstung ist vollständig: Notstromaggregat, Pumpen, Sandsäcke, Schippen, Wathosen. Im Herbst spendiert die Stadt ihnen einen Pick-Up, mit Platz für fünf Leute und Ladefläche. "Bisher profitieren wir von Fahrzeugen der Feuerwehr" - schon deswegen kein Problem, weil 25 der 41 Mitglieder aktive Feuerwehrleute sind. "Das kriegen sie gar nicht so getrennt", sagt Elze. Auch sie ist nach wie vor bei der Feuerwehr, kümmert sich als Kreis- und Stadtjugendwartin um den Nachwuchs.

Alarmiert werden die Wasserwehren in der Regel ab der Hochwasserwarnstufe 2. Dann heißt es: alle zwölf Stunden die Deiche ablaufen. Immer zu zweit. "Damit man sich gegenseitig helfen oder Hilfe holen kann", sagt Claudia Elze. Ab Alarmstufe 3 wird der Wachdienst verstärkt - nun muss alle acht Stunden kontrolliert werden. "Dann können die Leute auch von der Arbeit freigestellt werden", so Elze. "Bei uns hat das bisher reibungslos geklappt." Etwa beim Frühlingshochwasser im vergangenen Jahr.

Die Chefin selbst ist immer als erste draußen. Schon bei Warnstufe 1 wird sie informiert. "Dann schnappe ich mir meinen Hund und laufe los, die Deiche anschauen." Claudia Elze ist damit die Letzte in einer seit Jahren eingespielten Meldekette: Ausgerufen wird die Warnstufe von der Hochwasservorhersagezentrale (HVZ) in Magdeburg. Dort sitzen Hydrologen, die ständig 259 Pegel an den Flüssen des Landes überwachen. Im Falle eines Falles informieren sie die Leitstellen der betroffenen Kreise und Regionen, die die Meldung an die Kommunen weitergeben.

Bei der Jahrhundertflut vor zehn Jahren war das noch anders. Damals waren Pegelbeobachtung und Vorhersage Sache von drei staatlichen Ämtern für Umweltschutz sowie dem Landesamt für Umweltschutz, sagt Burkhard Henning, Direktor des Landesbetriebes für Hochwasserschutz. "Halle war zum Beispiel für die Saale verantwortlich, wir in Magdeburg für die Elbe. Da gingen manchmal Informationen verloren."

Wenn Claudia Elze und ihre Kollegen in Bitterfeld auf Deichschau sind, liegt immer auch die "Sandbank" - im Volksmund blaue oder lange Bank genannt - auf ihrem Weg. Wo heute das Fluthelfer-Denkmal zum Sitzen einlädt und sich einen Steinwurf entfernt Badelustige im Strandbad tummeln, haben sich vor zehn Jahren dramatische Szenen abgespielt. Nachdem am 15. August 2002 ein Damm zwischen Mulde und Goitzsche bei Löbnitz (Sachsen) gebrochen ist, ergießen sich pro Sekunde 500 Kubikmeter Wasser in den Tagebausee. Binnen Stunden steigt der Wasserspiegel um vier Meter. Die Bitterfelder Innenstadt ist von Überflutung bedroht.

Der Kampf um Bitterfeld

Tausende freiwillige Helfer schichten Tag und Nacht einen Sandsackwall auf. "Irgendwann", erinnert sich Claudia Elze, "hieß es, Leute, verschwindet, wenn der Damm zusammenbricht und das Wasser kommt, gibt es Tote." Aber die Männer und Frauen wollen nicht weichen. Sie wollen die Stadt retten. Am Ende hält die Sandsack-Barriere - die Altstadt bleibt von den Fluten verschont. In Bitterfeld sprechen sie noch heute vom "achten Weltwunder".

Andere Stadtteile kommen nicht glimpflich davon. Bei Elzes schwappen die Fluten in Garten und Erdgeschoss, 1,60 Meter hoch, während sie mit Mann, Söhnen und Feuerwehrkameraden an der Goitzsche Sandsäcke schleppt. "Wir konnten doch nicht weg", sagt sie, "das ist doch unsere Aufgabe, den Menschen zu helfen." Dienst ist Dienst. Deshalb wollte Claudia Elze ihren Namen am liebsten gar nicht auf der blauen Bank lesen. Aber irgendwer hat dann doch dafür gesorgt.