Wittenberg: Tagung widmet sich Karl May

17.06.2012 18:43 Uhr | Aktualisiert 17.06.2012 19:07 Uhr
Drucken per Mail
Karl May

Der Schriftsteller Karl May, 70-jährig starb er vor 100 Jahren. (FOTO: ARCHIV/DPA)

Von KARINA BLÜTHGEN
War alles, was Karl May schrieb, Spinnerei? Wie hat man ihn, den Abenteuerschriftsteller, gesehen im Osten und Westen Deutschlands? Diesen und anderen Fragen ging am Wochenende eine Tagung der Evangelischen Akademie in Wittenberg unter dem Thema ",Ich' und ,Welt' im Werk von Karl May" nach.
WITTENBERG/MZ. 

Sein Name weckt Sehnsüchte: nach idealen Gesellschaften, Blutsbrüderschaften, den Weiten der Prärie wie auch engen Bergschluchten und den Gefahren der Wüste. Und nicht zuletzt dem Sieg des Guten über das Böse. Er war erfolgreicher Autor, saß im Gefängnis und nicht zuletzt lebte er die Rollen, die er für seine Helden schrieb. "Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle", sagte Karl May über sich.

War alles, was er schrieb, Spinnerei? Und wie hat man ihn, den Abenteuerschriftsteller, gesehen im Osten und Westen Deutschlands? Diesen und anderen Fragen ging am Wochenende eine Tagung der Evangelischen Akademie in Wittenberg unter dem Thema ",Ich' und ,Welt' im Werk von Karl May" nach. Anlässlich des 100. Todestages des Autors wurden vor allem sein eigener Glaube und sein Bild vom Islam tiefer beleuchtet. "Karl May strebte die Aussöhnung zwischen Morgen- und Abendland an", betonte Johannes Zeilinger, Vorsitzender der Karl-May-Gesellschaft. May habe sich immer bemüht, Sympathien für die Orientalen zu wecken. In nur einem Werk, "Im Lande des Mahdi", schildert er den Islam tatsächlich negativ wegen der Sklaverei. "Sklavenjagd ist ein Verbrechen, welches zum Himmel schreit", so Mays Fazit.

Lange Zeit Primärquelle

"Für Generationen in Deutschland war Karl May die Primärquelle über den Islam und den Orient", sagte Zeilinger. Immer wieder habe er in seine Romane Wissen aus populärwissenschaftlichen Quellen eingestreut. An so manchen Stellen in Mays Büchern schimmert der Ruf nach Toleranz hindurch, einer Toleranz, "die mit zunehmendem Alter stärker wurde", so Zeilinger. Im Roman "Im Lande des Mahdi" findet sich etwa die Stelle: "Du bist ein Christ, und ich bin ein Moslem; aber wir sind Brüder und gehorchen unserm Vater, weil wir ihn lieben." Einige sehr schöne Beispiele brachte Uwe-Karsten Plisch von der Evangelischen Studentengemeinde Deutschland (ESG). Er zitierte Mays "Himmelsgedanken", geschrieben 1900, und einen Brief an einen jungen Juden. Dieser hatte als begeisterter Karl-May-Leser den Autor gebeten, seinem Vater zu erklären, dass er zum Christentum übertreten wolle. Dazu hätten ihn die Bücher inspiriert. Die Antwort von May: Er kenne noch nicht einmal den Glauben seiner Väter und wolle schon einen anderen annehmen. Um zu einem anderen Glauben überzutreten, gehöre ein gewisses Alter und Reife.

Wende in Sachen Winnetou

In Sachen Erfahrung mit Karl May hatte Altbischof Axel Noack einen ebenso aktuellen wie teilweise amüsanten Beitrag parat. Als jemand, der selbst in der Kindheit die Romane Mays gelesen hat, rollte Noack den Umgang mit dem Autor und dessen Romanen vor allem in der DDR auf. Er spannte den Bogen von Aussagen aus einer Zeitung im Jahr 1948, Winnetou stehe im gleichen Glied wie der "Pimpf" der braunen Literatur, über die "Säuberung" öffentlicher Bibliotheken 1950, denen auch Werke von May zum Opfer fielen, bis zu einem bösen Artikel von Erich Honecker 1976 anlässlich der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz.

Schon 1981 wendete sich das Blatt, die Herausgabe von Romanen des einst Geschmähten wurde erwogen und ab 1983 auch realisiert. "Bis nach der Wende kamen über 60 Bände heraus. Und Weihnachten 1982 gab es auch erstmals vier Karl-May-Filme im DDR-Fernsehen", erinnerte sich Noack schmunzelnd. Andererseits gab es im Westen viele Taschenbuchausgaben. "In all den Jahren DDR ist wohl kein Buch vom Zoll häufiger hochgezogen worden. Das war schon eine verrückte Geschichte im geteilten Deutschland."

Letztlich spielte auch Mays Psyche eine nicht geringe Rolle bei der Tagung. Denn so gründlich er auch recherchierte, was Landschaften und Volksgruppen betraf - seine lebhafte Fantasie als Autor löst noch heute Kopfschütteln aus. "May litt entschieden an einer Überidentifikation mit seinen Figuren", meinte Plisch. Johannes Zeilinger schilderte eine Szene, in denen er mitten im Schreiben zu seiner Frau Klara gekommen war, etwas murmelte von "Ich kann doch Halef nicht sterben lassen", und sich wieder an seinen Schreibtisch begab. "May hat offenbar in einem kontrollierten Delirium geschrieben", so Zeilinger. "Und er hat diese Legende auch gelebt."