Enrico Augustin, Annett Schulze und Sven Siewert freuen sich über die sanierten und farbenfrohen Häuser in der Johannisstraße. (FOTO: SEBASTIAN)
"Wir haben hier ein richtiges Kiez-Flair, eine interessante Architektur und einen gelungenen Branchenmix." So beschreibt Sven Siewert, Quartiersmanager im Theater- und Johannisviertel, die Johannisstraße.
Schaut man die Straße hinunter, besticht sie in der Tat durch ihre farbenfrohen Fassaden und die Vielfalt der kleinen Geschäfte. Also alles in Ordnung?
Der zweite Blick offenbart dann doch die Unzulänglichkeiten und Kritikpunkte, die vor allem die Gewerbetreibenden des Viertels belasten. "Der Zustand der Fußwege ist sehr schlecht, die Gehwege sind schmal und der Autoverkehr ist beachtlich", nennt Annett Schulze, Inhaber des Geschäftes "Zur Spartruhe" das für sie größte Ärgernis. Denn auf den Gehwegen könne man nur mit Mühe laufen, "ältere Menschen, vielleicht mit Rollator, kommen hier überhaupt nicht vorwärts." Wären die Gehwege breiter, könnten die Geschäftsleute diese beleben, Blumenkübel, Bänke oder Tische und Stühle rausstellen. "Sitzgelegenheiten fehlen hier generell", so Annett Schulze, die dringend empfiehlt, bis zur Eröffnung des Seniorenheimes in der Ferdinand-von-Schill-Straße dies nachzuholen. "Vor dem Schwabehaus steht eine Bank und dann erst wieder vor der Kirche, das ist zu wenig."
Enrico Augustin vom gleichnamigen Sanitätshaus in der Antoinettenstraße begrüßt diese Anregung, würde auch vor seinem Geschäft gerne eine Bank aufstellen. "doch leider scheitert vieles in dieser Stadt an den Sanktionen, Reglementierungen und Gebühren der Stadtverwaltung."
Den Autoverkehr sieht auch Sven Siewert, der in der Stiftstraße sein Büro hat, als Problem. "Viele rammeln mit hoher Geschwindigkeit über das Kopfsteinpflaster, das ist einfach nur furchtbar." Enrico Augustin findet den Straßenbelag, auch in der Ferdinand-von-Schill-Straße sogar gefährlich. "Die Schienen müssten raus und das Pflaster angehoben und ausgeglichen werden, um das Wegrutschen zu vermeiden."
Eine Einkaufsadresse war das Viertel in der Vergangenheit nicht. Doch unübersehbar hat sich in den letzten Jahren zumindest die Johannisstraße gemausert, so dass ein Bummel durchaus lohnenswert ist. "Doch es fehlt auch die Anbindung zur Innenstadt", findet Sven Siewert. Die ursprünglich geplante Achse Bahnhof - Leopold-Carré - Schill-Straße - Johannisstraße - Kavalierstraße - Stadtpark hätte diese Verbindung geschaffen. Doch sie wurde nicht umgesetzt. "Die Schill-Straße ist ein dunkles Loch", so Siewert, "Leute, die vom Bahnhof kommen, weichen da lieber auf die Antoinettenstraße aus." Was die Gewerbetreibenden dort freut, zumal mit der neugestalteten Grünanlage am Friedensplatz diese Achse inzwischen bedeutend attraktiver ist.
Schill- und Johannisstraße aber bilden den letzten historischen Innenstadtkern. "Die Schill-Straße muss dringend freundlicher gestaltet werden", sagt Annett Schulze. Auf der Seite der Neubauten könnten die Grünflächen in Ordnung gebracht und Bänke aufgestellt werden. "Die Kinoseite ist einfach nur gruselig."
Geschäfte sucht man in der Ferdinand-von-Schill-Straße fast vergebens. Das Eiscafé Hügel hält sich wacker, fühlt sich aber "auf verlorenem Posten". Auch der Abschnitt, der zur katholischen Kirche führt, ist derzeit wenig attraktiv. Die Häuser sind im schlechten Zustand, die Gehwege holprig. Einen Lichtblick gibt es aber: Ricky Funke, Inhaber vom "Haus der Stoffe" saniert neben den Kolonaden ein Haus und will dort vier Wohnungen schaffen und eine Polsterwerkstatt einrichten. "Schön wäre es, wenn die Reihe bis zum Seniorenheim fortgesetzt würde", wünscht sich Siewert, "denn dieser Straßenzug hat eine ähnlich interessante Architektur wie die Johannisstraße."
Dort zieht demnächst neues Leben ein: Im ehemaligen Arkadencafe wird ein Restaurant entstehen. Die Bauarbeiten haben begonnen, Eröffnung soll im Sommer sein. "Dann wird auch der Innenhof der Arkaden gestaltet und belebt werden und vielleicht bringt es ja einen Schub für die gesamten Johannis-Arkaden, denn leider steht dort viel leer", so Siewert.
Der Quartiersmanager erhofft sich vom Biwaq-Projekt "Wir kümmern uns!- Quartiersoffensive Theater- und Johannisviertel", das noch drei Jahre läuft, einen Schub. Verschiedene Maßnahmen seien angeschoben. "Ich sehe meine Aufgabe auch darin, die Gewerbetreibenden stärker zu vernetzen und deren Zusammenarbeit zu stärken." Erste Anfänge seien gemacht und viele Ideen da. "Die werden wir nach und nach angehen."