"Nicht oberflächlich werden"

04.05.2012 09:17 Uhr | Aktualisiert 04.05.2012 09:19 Uhr
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Am vergangenen Sonntag durfte der...

Am vergangenen Sonntag durfte der Tageblatt/MZ-Redakteur unter anderem auch das Fürbittgebet zusammen mit Pfarrer Michael Bartsch und Lektorin Jutta Hagge vorlesen. (FOTO: NICKY HELLFRITZSCH)

Von harald boltze
"Nein, nein, das ist zu anmaßend", sagte ich zu mir selbst, als ich Anfang Februar nach Themen für "Mein erstes Mal" suchte. Die Idee "... als Pfarrer" schaffte es nicht auf die Liste.
naumburg. 

Doch dann kam der Anruf von Dom-Pfarrer Michael Bartsch: "Herr Boltze, wollen Sie nicht mal mit mir zusammen predigen?" Und ich dachte: Absagen? Im Leben nicht.

Und so kam es, dass ich an diesem Sonntag, dem Sonntag "Jubilate", mit meinem ausgedruckten Predigt-Teil den Naumburger Dom betrete. Und bei allem Respekt vor den Betreibern von Rummelbuden und Tanzstudios: Als die gewaltigen Domglocken anfangen zu schlagen, habe ich den höchsten Pulsschlag seit Beginn der Serie. Es ist keine Angst und kein Lampenfieber, eher Respekt vor dem Ort und dem Amt des Pfarrers.

Mit diesem Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten haben Bartsch und ich uns einen "ganz normalen" Gottesdienst ausgesucht, wie es der Pfarrer nennt. Mit etwa 60 bis 70 Besuchern ist die Marienkirche am Dom vielleicht auch aufgrund des sonnig-warmen Tages nur spärlich besetzt.

Dass ich kein Lampenfieber habe, liegt daran, dass ich mich ganz gut vorbereitet fühle. Lesen, schreiben, erzählen: Im Gegensatz zu anderen Folgen kann ich hier mal meine Stärken einbringen. Zur Vorbereitung hatten wir uns zweimal im Büro des Pfarrers getroffen. "Was kann ich tun, ohne dass es anmaßend wirkt", fragte ich ihn. Und schnell einigten wir uns, dass wir die Ankündigungslesungen bei der Lektorin - von diesen ehrenamtlichen Helfern gibt es am Dom etwa zehn - belassen. Dass ich jedoch den Predigttext und einen Teil des Fürbittgebetes sowie die Ankündigung des nächsten Gottesdienstes vorlesen darf. Bartsch: "Es wäre natürlich schön, wenn Sie eine eigene Note einbringen, indem Sie den Gottesdienstbesuchern ihre Sicht auf den Text nahebringen."

Bibeltext gibt sich hartnäckig

Also gut, ran an den Text. Dieser steht in der 17. Apostelgeschichte, wird alle sieben Jahre vorgelesen und zeigt sich recht hartnäckig. Paulus, der gerade dem auferstandenen Christus begegnet war, sieht, wie die Athener eine Reihe von Göttern, darunter auch einen unbekannten, verehren. "Nun verkündige ich euch, was ihr Unwissenden verehrt", steht an dieser Bibelstelle. Ich frage Bartsch: "Sind wir gezwungen, das so vorzulesen", ernte ein "Ja" und lerne, dass er an relativ strenge Abläufe, die Liturgie, gebunden ist. Ein Wort, an das ich mich aus meiner Konfirmandenzeit erinnere. Seitdem bin ich allerdings ein schludriger Kirchgänger. Zwar sieht mich der Pfarrer öfter als nur zu Weihnachten oder Ostern, aber, um es aus Sicht eines Fußballfans zu sagen: Eine Dauerkarte habe ich nicht. Schon oft saß ich da in meiner Bank und habe mir die Veranstaltung fetziger gewünscht. Es muss ja nicht gleich wie im Kino - bei "Sister Act" mit Whoopie Goldberg als singender Nonne - sein.

Ich versuche also, ein paar aktuelle Beispiele rund um amerikanische Lotto-Gewinner (Stichwort "Falsche Götter") einzubauen, werde aber von Bartsch gewarnt, nicht zu oberflächlich zu werden. "Halten Sie sich eng an den Text", rät er mir. "Alternative Formen sind etwas für einen besonderen Gottesdienst." Ich überarbeite die Sache noch mal. Ganz leicht fällt es mir nicht: Die erfahrenen Gottesdienstbesucher will ich nicht verprellen, gleichzeitig aber auch unkonventionell sein. Schwierig. Michael Bartsch und ich schreiben noch am Sonnabendabend und Sonntagmogen E-Mails hin und her.

"Getauft und konfirmiert"

Und dann steht meine Passage. Als die Gottesdienst-Liturgie bei der Predigt angekommen ist, lese ich den Text, und Bartsch stellt mich vor meiner freien Rede als "getauft und konfirmiert" vor. Hinterher erzählt er mir, das sei wichtig gewesen. "Nicht, dass jemand denkt, wir machen hier nur Firlefanz." Auch sagt er mir nun, dass er vorher von Bedenken gehört hat, weil da ein Zeitungsredakteur mitpredigt. "Von Prostitution der Kirche", war die Rede. Bartsch aber sagt: "Ich denke, so wie es gelaufen ist, war es gut." Und ich bin froh darüber.