Imposanter Auftritt auf dem Markt: Während des Naumburger Straßentheaterfestivals zeigt die Gruppe "Bängditos" ihr Stück "Überfluss". (FOTO: TORSTEN BIEL)
Das stand auf dem Naumburger Marktplatz dicht gedrängt um eine rostbraune Konstruktion, die an eine Ölbohreinrichtung erinnerte. Doch weit gefehlt: Es war ein Brunnen, der pompös eingeweiht werden sollte. Stattdessen schossen plötzlich Wasserfontänen in den Abendhimmel, nebenbei knallte und puffte es, ein Feuerwerk funkelte gar. Was für ein Theater!
Der Auftritt des Ensembles "Bängditos" mit ihrem herrlich klamaukhaften Stück "Überfluss" am Freitagabend war nach ersten Inszenierungen auf dem Marienplatz ein Höhepunkt der diesjährigen Naumburger Straßentheatertage mit 18 Gruppen, Darstellern und Vereinen aus Deutschland und mehreren europäischen Ländern; und ein aufwendiger zudem. Fast ein Dutzend Stunden Arbeit steckte in dem Aufbau der "Bängditos"-Bühne, den Mitarbeitern des Bauhofes unterstützten.
"Die Generalprobe haben wir leider verpasst, die Aufführung wird also für uns neu sein. Danach bauen wir gleich wieder ab", sagte Thomas Rauchbach, Mitarbeiter des Bereiches Kommunale Dienstleistungen. Vor Beginn rückten zudem mehr als 30 Einsatzkräfte der Feuerwehr mit Lösch- und Begleitfahrzeugen an. Doch Naumburgs Stadtwehrleiter Christian Schirner winkte ab: "Wir sind nicht angefordert worden. Das ist nur der kulturelle Teil unseres derzeitigen Ausbildungslagers." Auf den roten Einsatzfahrzeugen sitzend hatte die blau gekleidete Truppe nahezu den perfekten Blick auf das inszenierte Fiasko.
Malte Steinmetz und Niels Seidel alias "Spot The Drop" sind eher bescheiden. Das Jonglage-Duo aus Wuppertal benötigte für seine Darbietung keinen weiträumigen Marktplatz. Einige Quadratmeter im Schatten der Marien-Magdalenen-Kirche genügten. Die beiden jungen Männer saßen zu Beginn auf ihren Klappstühlen, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten. Mit weißen Bällen und einige Minuten später begann ihre atemberaubende Show, in denen auch Ringe und Keulen durch die Mailuft flogen. Herrlich ihre Szene "Bocksprung des Todes", die sie zuerst in Zeitlupe zeigten, witzig ihre skurrilen Bewegungen. Doch hinter der gespielten Leichtigkeit steckt viel Übung. Die Dauer, um eine Szene einzustudieren, sei unterschiedlich, betrage mal nur einige Tage, mal einen ganzen Monat, erzählte Malte Steinmetz nach dem ersten Auftritt am Sonnabendnachmittag mit Schweißperlen auf der Stirn. Was ihm am Straßentheater reizt: "Wir sehen jeden einzelnen Zuschauer und seine Reaktion. Das ist im Varieté nicht der Fall, wo wir vom Scheinwerfer angestrahlt werden", so Steinmetz. Zum ersten Mal sei das Duo in der Domstadt, zum zweiten Mal überhaupt in den neuen Bundesländern.
Straßentheatertage in Naumburg - das waren kleine Völkerwanderungen zwischen Marienplatz und Dom, Menschen, die sich um ein Ensemble, das sich oft nur das Straßenpflaster als Bühne auserkoren hatte, scharten. Das "Theater fahrendes Volk" ließ mit seinem Stück "Max und Moritz" die Zuschauer den Text mitsprechen. Die beiden Darsteller spielten nicht nur die abgebrühten Taugenichtse, sie schlüpften in weitere Rollen, verwandelten sich hinter einem roten Vorhang in Witwe Bolte, Meister Böck oder wurden zu jenen Hühnern, die nach dem ersten Streich dran glauben müssen. Auf einer grünen Bank hatte Andrea Slabik Platz genommen. An ihrer Seite ihre Töchter Michelle und Sophie. "Die Straßentheater sind wunderbar. Wir schauen uns Stücke an, die vor allem für Kinder geeignet sind", sagte die junge Frau aus Naumburg, die in ihrer Handtasche das Programm des dreitägigen Festivals stets griffbereit hatte, weitere Stücke anschauen wollte.
Während Max und Moritz mit ihren sieben Streichen die Nachbarn des Dorfes an den Rand der Verzweiflung trieben, widmete sich "Inspeculum" vor dem Dom in historischer Kulisse mit Musik, Gaukelei und einigen Zoten der Trinkkultur, stelzte Ludger Hollmann als 2,40 Meter großer, farbenprächtiger Imanuel Immergrün durch die Innenstadt. Und mal da, mal dort: Mitarbeiterinnen des Kulturbereiches rund um Heike Mattausch im Einsatz. Auf dem Marienplatz pfiff Christoph Priesner vom Theater Leela wenig später seine Helfer aus den Zuschauerreihen herbei. Und zweimal brauchte der Österreicher nicht zu bitten. In Nullkommanix hatte er die Truppe für seine Abschlussnummer zusammen. Acht Männer hielten eine Leiter und strafften ein Hochseil, über das der Akrobat barfuß und Fackeln jonglierend lief. Am Schluss gab es kräftigen Applaus und Spenden - damit in zwei Jahren in Naumburg erneut unterhaltsames und packendes Theater unter freiem Himmel geboten werden kann.