Max Röder mit seiner Schallplattensammlung. (FOTO: TORSTEN BIEL)
Nein, er wüsste auch ganz genau, welche Sprecher in den einzelnen Rollen zu hören sind. "Märchen sind einfach mein Hobby. Ich beschäftige mich schon sehr lange damit", erzählt der Schüler der Naumburger Humboldtschule. Mehr als 400 Schallplatten nennt er sein eigen. Den Anfang machten eine Handvoll Platten, die bereits seine Mutter Anja besaß. Mit der Zeit und regelmäßigen Rundgängen auf Flohmärkten wuchs die Sammlung an.
Nach der Schule Märchenstunde
Vor allem Exemplare aus der Zeit der DDR haben es dem Sekundarschüler angetan. "Mich interessiert die Zeit", sagt er. Oft wird dann mit dem Händler gefeilscht, schließlich investiert er sein Taschengeld.
Wenn andere Jugendlichen seines Alters vor dem Computer sitzen oder über den Fußplatz wetzen, hört Max Schallplatte, vor allem Märchen, ab und an auch Klassik. Und das täglich als Freizeit nach der Schule. Max ist halt anders. Er zählt zu seinen Hobbys auch das Sticken. Klar, dass da Mitschüler darauf reagieren. "Es gibt ab und an Lacher", erzählt der 15-Jährige. Zur Jugendweihe gab es einen neuen schmucken Plattenspieler, auf historisch getrimmt im Stile der 50er Jahre. "Es macht mich traurig, dass die Schallplatte in Vergessenheit geraten ist, dass sie jedoch wieder im Kommen ist, freut mich sehr", sagt Max Röder. Im Gegensatz zu vielen anderen Sammlungen verstauben seine guten Stücke nicht. Sie haben einen festen Platz gefunden in Nachbarschaft zu einer Vielzahl an Märchenfilmen, sie werden gepflegt und gehegt. Eine würde da besonders gut hineinpassen, ein Exemplar, das er schon seit einiger Zeit und doch bisher vergeblich sucht: Die Platte trägt den Titel "Frieder und Katerlieschen". Wer im Übrigen Märchenscheiben abgeben würde - im Zimmer von Max wären sie gut aufgehoben. Einige Kilometer Luftlinie entfernt findet sich im Wohnzimmer von Christine Rühlmann ein ähnliches Bild. Ein Schallplattenspieler ist im Einsatz, eine Reihe Platten liegen davor. Doch die 62-Jährige aus Kirchscheidungen besitzt nicht nur genau 553 Langspielplatten und 176 Singles. Sie hält ihrem ersten Spieler und der ersten Platte noch immer die Treue. Zu Weihnachten 1964 erhielt die damals 14-jährige Christine einen Sonni-Spieler nebst einer Amiga-Scheibe mit dem Titel "Daddy Sunshine und Mister Moon". Eine Überraschung war das besondere Geschenk indes nicht. "Ich habe gestöbert und das Gerät entdeckt", erzählt sie. Täglich lässt sie sich von der Musik berieseln, ob Oldies, Schlager, Swing oder Operette. "Das brauche ich für meine Nerven", bemerkt die frühere Sammlerin, die das Runde immer wieder in das Eckige schiebt, um die Scheiben zu schützen.
Beatles-LP in der Sonne
Die Zeiten der Jagd nach guten Stücken sind indes vorbei. Flohmärkte werden nicht mehr besucht, wie damals kurz nach der Wende. Dafür sind Erinnerungen frisch geblieben: Die lange Schlange, wenn nach einem "Kessel Buntes" Lizenzplatten der aufgetretenen Musiker erschienen, jene Beatles-LP, die auf dem Fensterbrett liegend zu viel Sonne abbekam und sich wellte. Und das Mädchen aus dem Altkreis Nebra bekam besondere Post aus dem "sozialistischen Ausland", aus Russland und Ungarn: Ansichtskarten, die man abspielen konnte, Geschenke ihrer Brieffreunde. Eine dieser kuriosen Ausgaben besitzen sowohl Max Röder als auch Christine Rühlmann. Eine Ansichtskarte mit der Melodie vom Sandmännchen. Und was ist drauf? Natürlich. "Sandmann, lieber Sandmann" ist zu hören, als die 62-Jährige die Nadel ihres Sonni sanft auf die Scheibe setzt.