Der Landwirt, der Musiker ist

11.07.2012 08:55 Uhr | Aktualisiert 11.07.2012 09:11 Uhr
Drucken per Mail
Helmut Judersleben

Helmut Judersleben vor der Kirche in Gernstedt. Hier steht auch jener Stein, der zum zehnten Geburtstag des Liederkreises am Lanitztal gesetzt worden war. (FOTO: TORSTEN BIEL)

Von michael heise
"Wenn ich nachts auf dem Feld den Traktor ausmache, habe ich die besten Ideen. Die frische Landluft und die Stille - das inspiriert mich." Das Gespräch unserer Zeitung mit Helmut Judersleben war schon vorüber, als er anklingelte und das noch unbedingt mitgeteilt haben wollte.
naumburg/gernstedt. 

Und ja, nichts sagt so schnell so viel über diesen Mann aus wie diese Worte. Helmut Judersleben, in Gernstedt zu Hause und in Naumburg wohnend, ist Musiker und Landwirt. In welcher Reihenfolge? Wer weiß. Beides jedenfalls mit Leib und Seele und irgendwie schon immer. Und in diesem Jahr hat er besonderen Grund zur Freude. "Sein" Chor, der Liederkreis am Lanitztal, besteht 25 Jahre.

Fünf Jahre alt war Helmut Judersleben, als er sich ans Klavier seines Großvaters setzte und loslegte. Mit zehn Jahren dann der erste Musikunterricht in Bad Sulza und mit 15 erste Stücke auf einer Kirchenorgel. Judersleben spielte in Tanzkapellen, war Künstler auf Abruf und scheute sich nicht, mit größeren Orchestern zu musizieren. "Ich war vernarrt in Musik. Oft genug habe ich mich als Jugendlicher in den Zug gesetzt und bin nach Weimar gefahren, nur um dort vor den offenen Fenstern der Musikhochschule zu lauschen. Abends ging's dann zurück", erzählt der heute 75-Jährige. Musik wollte er studieren, doch gab das die Situation damals nicht her. Der familiäre Landwirtschaftsbetrieb in Gernstedt musste am Laufen gehalten werden, zumal der Vater aus dem Krieg nicht zurückgekehrt war. So wurde Helmut Judersleben Landwirt, führte die Pferde aufs Feld, schuftete von früh bis spät.

Musiker blieb er trotzdem. Judersleben: "Waren die Pferde im Stall und gefüttert, habe ich Klavier gespielt. Manchmal im Stockdunklen, einfach so zur Entspannung und zu meiner Freude." Dass er dann mit anderen vor 25 Jahren den Liederkreis am Lanitztal - benannt nach einem lieblichen Tal bei Bad Sulza - gründete, war einem Gespräch entsprungen mit dem damaligen Leiter der LPG Spielberg, Siegfried Holdt, zugleich Liebhaber des Chorgesangs. Außerdem hatte Singen in und um Gernstedt eine gewisse Tradition. Die jedoch, so erinnert sich Judersleben, schlief mit der Zwangskollektivierung und überhaupt dem veränderten gesellschaftlichen Leben ein. Wurde der Chor von nur vier Personen aus der Taufe gehoben, so rappelte sich die Zahl schnell bis auf 42. Den ersten Auftritt gab's im Bad Kösener "Kurgarten", heute ist man unterwegs zu goldenen Hochzeiten, Geburtstagen, der Kursaison-Eröffnung und anderen Anlässen. Höhepunkt jedes Jahres aber ist das Benefizkonzert zum ersten Advent in der Bad Kösener Lutherkirche, dessen Erlös den SOS-Kinderdörfern und der Kinderkrebshilfe zugute kommt. Über 14 000 Euro hat der Liederkreis seit dem ersten Auftritt vor 14 Jahren spenden können.

Am Konzert aus Anlass des 25. Chor-Jubiläums hatte Helmut Judersleben wegen Krankheit nicht teilnehmen können. Doch als er sich wegen dieser hat behandeln lassen, habe er gespürt, dass die Mitglieder des Chores in Gedanken bei ihm sind. "Wir verstehen uns als große Familie, Freud und Leid werden geteilt. Das ist unser Selbstverständnis."