Ein Haus erwacht zum Leben

18.07.2012 17:29 Uhr
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Diese Aufnahme von Gerhard Erdmann aus...

Diese Aufnahme von Gerhard Erdmann aus Naumburg zeigt den schlimmen Zustand des Hauses vor der Sanierung. (FOTO: MZ)

Von helga heilig
"Tag für Tag musste ich zusehen, wie das Gebäude Marienstraße 20 verfällt. Das war ein schmerzhafter Anblick", so der Inhaber der Marientorapotheke, Martin Pruszynski. Und weil er den Zustand nicht mehr ertragen wollte und konnte, entschloss er sich vor rund zwei Jahren, das Gebäude von der Stadt Naumburg zu erwerben und es zu sanieren.
naumburg. 

"Tag für Tag musste ich zusehen, wie das Gebäude Marienstraße 20 verfällt. Das war ein schmerzhafter Anblick", so der Inhaber der Marientorapotheke, Martin Pruszynski. Und weil er den Zustand nicht mehr ertragen wollte und konnte, entschloss er sich vor rund zwei Jahren, das Gebäude von der Stadt Naumburg zu erwerben und es zu sanieren.

Nach gut einem Jahr Bauzeit präsentiert sich das aus drei Teilen bestehende Haus nun in neuem Glanz. Das ist nicht nur irgendein beliebiges Gebäude in der Naumburger Innenstadt, es hat wie so viele andere auch, eine lange Geschichte, die eng mit der historischen Entwicklung der Stadt Naumburg zusammenhängt. Nach dendrochronologischen Untersuchungen ist der südliche Flügel der älteste Teil. Er ist Ende des 16. Jahrhunderts entstanden. Noch älter sind allerdings die Kelleranlagen. Sie haben alle Stadtbrände schadlos überstanden und stammen vermutlich aus dem Mittelalter. Das geht aus der baubegleitenden Befunduntersuchung hervor, mit der das Büro für Bauforschung und Denkmalpflege in Halle beauftragt war. In der Barockzeit wurde der nördliche Teil angebaut und Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die rückwärtigen Bauten aus Ziegelmauerwänden. Gewerkelt wurde hier offensichtlich zu allen Zeiten, denn auch im 20. Jahrhundert erfolgten umfangreiche bauliche Veränderungen, vor allem im Erdgeschoss.

Erste schriftliche Zeugnisse gibt es aus dem Jahr 1735. Der Stadtkämmerer Johann Frentzel erwähnte das Haus in seinem Testament. Er verfügte damals, dass es der Waisenhausstiftung überschrieben wird und ein Waisenhaus werden sollte. Es bestand fast ein Jahrhundert. 1820 ist eine Armenschule in den Annalen vermerkt und einige Jahre später zusätzlich ein Spritzenhaus der Feuerwehr.

"Herrn Hirschfelder, der seine Kindheit und Jugend in diesem Haus verbrachte, ist es zu verdanken, dass aus früheren Zeiten Adressbucheinträge vorliegen, die von den einstigen Bewohnern berichten", so der neue Hauseigentümer. Ab 1891 etablierte sich hier eine Druckerei - erst als Druckerei Passauer, Franz, ein Jahr später als Druck und Verlag der Naumburger Nachrichten, bis schließlich die Familie Hirschfelder als alleiniger Inhaber der "Buchdruckerei und Herausgeber der Naumburger Nachrichten" vermerkt ist. In den Wirren der Nachkriegszeit um 1946 endete auch die Zeit dieser Druckerei. Gerhard Erdmann hat eine umfangreiche Dokumentation über den vorherigen Zustand und die Bauphase angelegt. Anhand seiner Fotos kann man den Baufortschritt gut verfolgen.

Der jetzige Inhaber, Apotheker Pruszynski, ein gebürtiger Naumburger, erinnert sich noch gut an einige Mieter des Hauses. So an Zahnarzt Knopf in der ersten Etage und an seine Klassenkameradin in der Wohnung nebenan.

Vielfach bekannt ist bei den alteingesessenen Naumburgern sicher auch noch Friseurmeister Schmidt. Dessen Tochter führt jetzt das Unternehmen in direkter Nähe auf dem Marienplatz weiter.

1933 war im Adressbuch Bader & Co., Ofenspezialgeschäft unter der Adresse vermerkt. Es gab ein Tapezier- und Polstergeschäft, dessen Inhaber ein Herr Liebold war. Ein Zuckerbäcker bot seine Waren an. Neben der Buchdruckerei Hirschfelder war ein Zahnarzt gleichen Namens vermerkt. Mieter waren zudem Friseurmeister Maiwald, Hallenwärter Hahn und Werkmeister Schleußner. Im zweiten Obergeschoss wohnte zudem ein Lithograph namens Borchert.

Die Heißmangel war über viele Jahre zu DDR-Zeiten eine feste Adresse und natürlich die "Asche", wie die Naumburger das städtische Entsorgungsunternehmen nannten. "Morgens um halb fünf öffneten sich die großen Garagentore und die Motoren der Entsorgungsfahrzeuge liefen unüberhörbar warm. Uns Kinder störte das nicht weiter, denn wir sind ja mit diesen Geräuschen aufgewachsen", so Pruszynski. Was ihn jedoch Jahre später erheblich nervte, war der stetige Verfall des Gebäudes.

Nachdem er die Apotheke seines Vaters vor zwölf Jahren übernommen hatte, reifte über viele Jahre der Gedanke, eine sinnvolle Verwendung für die Marienstraße 20 zu finden.

Inzwischen sind sämtliche gewerbliche Mieter eingezogen und der Baustress der vergangenen Monate ist fast vergessen. Der Kreativ- und Bastelladen "schwubbs" machte den Anfang. Vor wenigen Monaten zog Katja Prosowsky mit ihrer Zahnarztpraxis ein. Wenig später folgten der Internist Uwe Ganss und die Podologie Koch. Der Orthopäde Christian Typke praktiziert seit Anfang Juli für das Medizinische Versorgungszentrum der Asklepios-Kliniken im ersten Stock des Vorderhauses.

Derzeit laufen nur noch die Um- und Ausbau- und Sanierungsarbeiten für die großzügig geschnittene Wohnung im zweiten Obergeschoss. "Das Haus ist wiederbelebt, und das sowohl unter der Beachtung der denkmalpflegerischen Aspekte, als auch der zeitgemäßen Ansprüche in modere Arztpraxen", stellt der Inhaber fest.

Mit großem Aufwand und viel handwerklichen Können wurde zum Beispiel eine Stuckdecke aus der Barockzeit restauriert, unter der sich, wie Restauratorin Dörte Zedler entdeckte, sogar eine farbig gefasste Bohlenbalkendecke aus der Renaissancezeit befindet. Wert gelegt wurde nicht nur auf eine denkmalgerechte Sanierung, es gibt einen Aufzug und barrierefreie Zugänge zu den Arztpraxen.

Nicht zuletzt hat die Stadt Naumburg als Vorbesitzer den neuen Hausherrn vom Erwerb bis zur Fertigstellung begleitet. "Mit schneller Zuarbeit wurde ich bei meinem Vorhaben tatkräftig unterstützt" so Investor Pruszynski anerkennend.