Alisa Gvosdeva (r.) fand kurzfristig mit Claudia Höfler-Loff und deren Tochter Pia eine Gastfamilie, zu der auch (nicht im Bild) Dieter Loff gehört. (FOTO: T. BIEL)
Und das sehr zufrieden. Immerhin stand ihr achtwöchiger Aufenthalt als Austauschschülerin über den Leipziger Verein Gastschüler Deutschland "Appetit auf Deutschland" kurz vor Antritt plötzlich auf der Kippe. Während die 15-Jährige im fernen Sankt Petersburg um ihre Reise zitterte, wusste die Naumburgerin Claudia Höfler-Loff nicht, wie ihr geschah.
Statt Infos spontane Entscheidung
"Ich las im März im Naumburger Tageblatt eine Anzeige von dem Verein. Er suchte Gasteltern, und da wollte ich mich nur mal informieren", erinnert sich die 39-Jährige. Was sie in Leipzig erfuhr, war vor allem, dass eine Naumburger Gastfamilie kurzfristig abgesprungen sei und nun für eine Austauschschülerin der Aufenthalt in Gefahr geraten ist. "Und schon waren wir Gasteltern", erzählt Claudia Höfler-Loff. Sie habe den Mann vom Verein, mit dem sie gesprochen hatte, nicht enttäuschen wollen, erklärt sie ihre spontane Zusage. Für diese habe sie ihren Mann, Dieter Loff, zwischen Tür und Angel gefragt, ob sie als Gasteltern sofort einspringen wollten.
Erster Kontakt per Mail
Zu dieser Zeit hatte sich Alisa damit abgefunden, dass aus dem Austausch nichts würde. Doch dann traf die erfreuliche Mail der Familie Loff ein, in der sie sich als ihre Gastfamilie vorstellte - samt Foto. Auf dem erblickte Alisa nicht nur ihre neuen Gasteltern, sondern auch die 14-jährige Tochter Pia und Familienhund Bruno - ein zweieinhalbjähriger Kangal. Pia blieb nicht viel Zeit, eines ihrer Zimmer zu räumen, denn keine drei Wochen später sollte Alisa eintreffen. Da galt es für Loffs nicht nur, das Zimmer herzurichten, sondern auch einen Schulplatz im Domgymnasium für ihre Gastschülerin zu organisieren. "Ein Kompliment an das Gymnasium, das ging ganz problemlos. Frau Römer hat sich gleich gekümmert", ist Dieter Loff voll des Lobes. "Das ist doch selbstverständlich, immerhin sind die Austauschschüler auch eine Bereicherung für unsere Schule, und die Schüler können in Ansätzen authentisch einen anderen Kulturkreis kennenlernen", sagt die Leiterin des Domgymnasiums, Angelika Römer.
Neben Alisa besuchen derzeit drei weitere Mädchen aus Sankt Petersburg das Gymnasium. "Wir nehmen immer mal wieder Austauschschüler auf, teilweise fünf gleichzeitig, und sie kommen aus vielen Ländern wie aus der USA, aus Schweden, Indonesien oder Mexiko", so die Schulleiterin. Angeschoben würden diese Besuche von den Eltern, die als Gastfamilien fungieren. "Die Gastschüler können wir recht kurzfristig aufnehmen", so Angelika Römer. Sie würden entsprechend ihrer Deutschkenntnisse Förderunterricht erhalten. "Haben sie fast keine Deutschkenntnisse, regelt sich das schnell auch durch die Mitschüler oder Lehrer, die ihnen helfen", so die Schulleiterin.
Ausflüge und viel Kultur
So wurde Alisa vorsichtshalber in Pias Klasse eingeschult - einer achten. Wenig später wurde der erste Deutschtest geschrieben. Im Mittelpunkt stand Schillers Wilhelm Tell. Alisa schrieb prompt eine Eins. Kurz darauf wurde sie in die 9. Klasse hochgestuft, in der sie ganz schnell Freunde fand und sich rundum wohl fühlt. Aber Alisa lernt nicht nur in der Schule Deutsch oder Mathe, sondern auch in der Freizeit das Land kennen.
Da ist sie zur besten Zeit vor Ort. Denn sie erlebte bereits die Straßentheatertage mit, die Weinmeile und jüngst das Kirschfest. Sie feierte Pias Jugendweihe und deren Tanzstundenabschlussball. Mit der 8. Klasse ging es auf Klassenfahrt nach Magdeburg. Familie Höfler-Loff scheut keine Mühen, ihr die Region zu zeigen. So reisten sie mit ihrem Schützling nach Weimar, Eisenach, Gotha, Bad Salzungen und Halle. Auch Erfurt stand schon auf dem Ausflugsprogramm. Leider hatte an dem Tag die Uni geschlossen. "Die hätte mich sehr interessiert", so Alisa. Denn später möchte sie an einer Universität Fremdsprachen unterrichten, am liebsten in Deutschland, ihrer Wahlheimat.