Mit dem Vokabelheft an die Saale

03.05.2012 17:11 Uhr | Aktualisiert 04.05.2012 16:51 Uhr
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An alter Wirkungsstätte: Sigmund Jähn vor der...

An alter Wirkungsstätte: Sigmund Jähn vor der Kadette. (FOTO: H.-D. SPECK)

Von constanze matthes
Zwischen seinem ersten Besuch in Naumburg und dem aktuellen liegen 47 Jahre, ein Doktortitel und ein Weltraumflug. Im dunkelblauen Anzug steht er auf einer mit Gänseblümchen übersäten Wiese und blickt zur imposanten Fassade der Kadette hinauf.
naumburg. 

Im Herbst 1965 war Sigmund Jähn Lehrgangsteilnehmer an der Lehranstalt der NVA, um Russisch zu lernen. "Ohne meine Zeit in Naumburg wäre ich nicht ins All geflogen", bemerkt der 75-Jährige wenig später im nahezu voll besetzten Festsaal. Bundeswehrfachschüler und Lehrgangsteilnehmer des Bundessprachenamtes verfolgen seinen Vortrag über die Geschichte des bemannten Raumfluges, in der er selbst als erster deutscher Kosmonaut ein Kapitel mitgeschrieben hatte (siehe "Biografie").

Dem Besuch des gebürtigen Vogtländers in der Domstadt vorausgegangen war ein Glückwunschschreiben zu dessen 75. Geburtstag im Februar. "Wir haben ihm gratuliert und ihn zu uns eingeladen. Nach ein paar Wochen rief er mich persönlich an und sagte zu", erzählt Reinhard Kissel, der Direktor der Bundeswehrfachschule. Dass der heute in Stausberg bei Berlin wohnende Jähn schließlich dieser Einladung nachkam, war indes Glück für Naumburg. Rund 300 Briefe habe er zum Geburtstag erhalten. Nicht alle könne er beantworten und auch nicht alle Anfragen für Vorträge nachkommen, bemerkt Jähn, der mit dem Zug angereist war und die Zeit zwischen Ankunft und Vortrag für einige neue Impressionen von der Stadt nutzte. "Naumburg und die Landschaft sind sehr schön", sagt er. Und die eine oder andere Anekdote weiß der sympathisch wirkende Doktor der Physik auch noch zu berichten. Von einem Umtrunk mit seinem Russischlehrer im nahe gelegenen Casino und die Spaziergänge zur Saale mit dem Vokabelheft im Gepäck weiß der Sachse zu berichten, der 1985 schließlich noch einmal die Schulbank im Institut für Fremdsprachen drückte, um diesmal sieben Monate lang Englisch zu pauken. Keine leichte Aufgabe für den damals schon bekannten Kosmonauten. "Ich fing ja bei Null an, brauchte aber die Sprache, denn ich besuchte häufig Kongresse", blickt Jähn zurück.

Doch er ist nicht der Einzige mit Erinnerungen an ein Klassenzimmer in der Kadette und eine Gruppe meist lerneifriger Offiziersschüler. Der promovierte Englischlehrer Bernd Schremmer hat Jähn damals unterrichtet und ist noch immer am Bundessprachenamt tätig. Zünftig in Englisch begrüßten sie sich gestern. Schremmer beschreibt Jähn als einen disziplinierten und fleißigen Schüler, der gewusst habe, wie wichtig diese Ausbildung sei. "Er war allerdings kein Sprachtalent, aber er hat einen guten Abschluss gemacht", erzählt der 64-Jährige. Die Gruppe sei damals begeistert gewesen, denn so einen Mitschüler habe man nicht alle Tage. Oft wurde natürlich über die Raumfahrt gesprochen, sagt der Pädagoge. Und Schremmer erinnert sich weiter: Ein guter Fußballer war Jähn im Übrigen ebenfalls nicht. Trotzdem habe er ein paar Tore geschossen. Aber was sind diese schon gegen einen Flug ins All. Für den Lehrer war das Wiedersehen mit dem elf Jahre älteren Schüler vor allem eins - ein wunderbares Erlebnis.