Menschenrechte
Gegen Todesstrafe zählen auch kleine Erfolge
EU stößt im Kampf gegen Hinrichtungen in China auf taube Ohren
VON Roland Siegloff, 09.10.03, 07:46h, aktualisiert 10.10.03, 21:58h

Imam Samudra, Anführer der Bali-Attentäter. wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. (Bild: dpa) (Foto: dpa)
Brüssel/dpa. Sie gehen den US-Gouverneuren gehörig auf die
Nerven. Sie schreiben Briefe, schalten Zeitungsanzeigen, setzen sich
gezielt für einzelne Todeskandidaten ein. Und die Vertreter der
Europäischen Union, die sich dem Kampf gegen die Todesstrafe
verschrieben haben, freuen sich über jeden kleinen Erfolg. Doch der
weltweite Tag gegen die Todesstrafe an diesem Freitag (10. Oktober)
ist in Brüssel auch Anlass zur kritischen Bestandsaufnahme.
«Es stimmt, dass die EU sicherlich einer der wichtigsten Partner
für die internationale Koalition gegen die Todesstrafe ist», sagt die
Verantwortliche für die Außen- und Sicherheitspolitik im EU-Büro von
Amnesty International, Gabriele Juen. Vor allem in den USA - mit 71
Hinrichtungen im Jahr 2002 drittgrößter Vollstrecker von Todesstrafen
nach China und dem Iran - setzten sich EU-Diplomaten vorbildlich für
die Rechte der Gefangenen ein. Der Menschenrechtsdialog mit China
trete hingegen auf der Stelle: «Die EU ist nicht mal in der Lage, von
den Chinesen ordentliche Statistiken zur Todesstrafe zu bekommen.»
Auch die Menschenrechtler haben keinen kompletten Überblick: «Zum
Jahresende 2002 waren Amnesty International 1062 Hinrichtungen aus
China bekannt - diese Zahlen sind unvollständig, die tatsächliche
Ziffer dürfte wesentlich höher liegen», berichtet Juen. Mindestens
113 Hinrichtungen habe es im Iran gegeben, die 48 dokumentierten
Fälle aus Saudi-Arabien seien nur ein Teil der Wahrheit.
«Man darf die Hoffnung nicht verlieren», sagt Danielle Smadja von
der EU-Generaldirektion für Außenbeziehungen zu solchen Zahlen. Die
Kommission glaubt an die Erfolge diplomatischer Beharrlichkeit: «Es
gibt Ergebnisse, aber es geht sehr langsam.» Jüngster Fortschritt war
die Begnadigung aller Todeskandidaten im US-Bundesstaat Illinois im
Januar: Gouverneur George Ryan wandelte die meisten Strafen der 157
Gefangenen in den dortigen Todeszellen in lebenslängliche Haft um.
Wie die EU-Kommission hält auch Michel Taube von der Weltkoalition
gegen die Todesstrafe wirtschaftliche Sanktionen für wenig wirksam.
Damit ein Staat dauerhaft die Todesstrafe abschaffe, müsse die
Bevölkerung von diesem Schritt überzeugt sein, sagt Taube. In diesem
Sinne wirkten nach Ansicht von Amnesty die Anzeigen, die während der
portugiesischen EU-Präsidentschaft in US-Zeitungen erschienen.
Öffentliche Aktionen der EU-Politik seien aber eher die Ausnahme,
sagt Amnesty-Fachfrau Juen. «Wenn es um den hohen politischen Dialog
mit den USA geht, wird das Thema doch eher mit Samthandschuhen
angefasst.» Es sei eine große Ausnahme gewesen, als die inzwischen
ermordete schwedische Außenministerin Anna Lindh ihren US-Kollegen
Colin Powell mit klaren Worten gegen die Todesstrafe konfrontierte.
Völlig ungerührt reagiert Juen zufolge aber China auf die
wiederholten Vorstöße der Europäer: Seit Jahren fordere die Union
alle sechs Monate zumindest aktuelle Zahlen über die Hinrichtungen im
Land der Mitte - «es passiert aber nichts». Stattdessen machen
beunruhigende Berichte über einen Handel mit Organen hingerichteter
Menschen die Runde. Trotz Protesten der EU, klagt Juen, richteten die
Chinesen im März zwei tibetanische Gefangene hin: «China weiß eben,
dass es außer Worten von Europa nichts zu befürchten hat.»






























