Stiftung Moritzburg
Schmerzensmann und Muttersohn
VON Andreas Hillger, 24.04.08, 20:56h, aktualisiert 24.04.08, 22:33h

An dem Bild «Wir haben ein Gesetz» (Ende der 1980er Jahre) von Einar Schleef steht im ehemaligen Karstadt-Kaufhaus in Halle eine Frau. (Foto: dpa)
Halle/MZ. Ganz am Ende, wenn man die breiten Schneisen durch die Geschichte rückwärts gegangen ist, stößt man auf die Klagemauer. Schwarz schweigen hier Silhouetten frontal oder im Profil, der klobige Kasten zur Linken zwingt ihren Kopf in leichte Neigung - und hinter ihnen leuchtet weißes oder gelbes Licht, während vor ihnen Regen und Dreck in Schlieren herabrinnen. Erst im Näherkommen sieht man, dass sich das innere Glühen eigentlich randscharfer Ausleuchtung verdankt - und dass die Schreine in Wahrheit Tafelbilder von Telefonzellen sind.
Die spektakuläre Inszenierung ist End- und Höhepunkt einer Werkschau, der Kurator Michael Freitag den Arbeitstitel "Fluchtpunkt und Appell" gegeben hat. Dass er damit starkdeutsche Etiketten wie "Republikflucht. Waffenstillstand. Heimkehr" fortschreiben will, mit denen Einar Schleef zu Lebzeiten seine Ausstellungen annoncierte, ist offenkundig. Doch während der vom Maler selbst gewählte Dreiklang eine aus politischer und privater Erfahrung gemischte Folgerichtigkeit hat, führt die posthum aufgesetzte Dialektik von ungewissem Aufbruch und erzwungenem Stillstand zunächst eher in die Irre.
Dimensionen sprengen
Also lieber "Einar Schleef: Der Maler", wie die Ausstellung offiziell und sachlich heißt. Der ist hier erstmals in jenen Dimensionen zu besichtigen, die sein Werk beansprucht - und die jeden klassischen Museumsbau sprengen. Denn der Bildkünstler erarbeitete sich seine Themen nicht selten in jener Maßlosigkeit und in variierenden Wiederholungen, die seine Theaterarbeiten zu Exerzitien für die Darsteller wie die Zuschauer werden ließen. Wo sonst als in der insgesamt 9 000 Quadratmeter umfassenden Kaufhaus-Etage könnte man den 18-teiligen "Klage"-Zyklus und die "Deutschland-Bilder", die 24 Tagebuch-Tafeln und die großformatigen Schriftblöcke in wechselseitige Beziehung setzen?
Erst in der Zusammenschau begreift man die Zumutung, die dieser monolithische Meister für die Gegenwartskunst darstellt. Einar Schleef, 1943 in Sangerhausen geboren und 2001 in Berlin gestorben, hat die unvernarbten Wunden der deutschen Geschichte mit dem Verfall des eigenen Leibes zusammengedacht, er hat sich in der Stellvertreter-Tradition des christlichen Schmerzensmanns inszeniert und die vergiftete Sehnsucht nach einer Heimat buchstäblich beschrieben. Dass der besessene Tagebuchschreiber und Chorführer, der vom Feuilleton verhasste "Regie-Berserker" und Nietzsche-Rezitator dabei stets vom Bild her dachte, war nie deutlicher als jetzt.
Einar Schleef war ein Maler von solcher Souveränität, dass ihm jeder Gestus zu Gebote stand: der große Auftritt des symbolschweren Geschichts-Tableaus ebenso wie die flüchtige Intimität der Aktskizze, die Empathie des Porträts wie die Ironie im Selbstbildnis. Die schwarzlichtige Tristesse in den Tabledance-Bars von New York nahm er ebenso schonungslos in seinen unverwandten Blick wie das Gesicht der Geliebten, die aus dem DDR-Gefängnis in sein Westberliner Exil entlassen wurde - Notizen eines Unbehausten, der sich Erinnern zum Beruf gemacht hatte.
Gerade weil sich Schleef mit selbstzerstörerischer Energie früh aus allen akademischen Zusammenhängen katapultiert hatte und auch als Autor und Theaterregisseur ein Risikofaktor blieb, ist sein Nachlass ein Musterbeispiel für die Selbstbeauftragung des Künstlers. Hier malt und zeichnet einer, weil er es muss - seit frühen Tagen und mit manischem Antrieb, der sich etwa in Hunderten von Skizzen aus einer Berliner Kneipe niederschlägt.
Bild und Buchstabe
Dass er jeder ästhetischen Doktrin - und damit auch dem Markt - widersteht, zeigt sich in zeitfernen Vorbildern und in der eigenwilligen Mischung aus Bild und Buchstaben, mit denen er die Grenzen zwischen dem Zeigen und dem Beschreiben aufsprengt. Einem Thema aber ist er malend und schreibend nicht beigekommen, obwohl es sein ganzes Werk durchzieht.
Die Mutter Gertrud, der er aus der Ferne einen monströsen Roman gewidmet hat, gewinnt in der Schau nur als Modell für brave Zeichnungen Gestalt. Im Tagebuch-Bild zu den "Nibelungen" aber heißt es: "Krimhilt näht ihr Kreuz - jede Mutti - iß schön mit Messer und Gabel Kleinsiegfried". Das sind Sätze, die man zu den Telefonbildern mitdenken muss - und Schleefs "Nie mehr zurück". Dieser Schwur, mit dem hier eine sehnsüchtiges Verlangen erstickt wird, sollte auch den Nachlass vor Vereinnahmung schützen.





















